Sonntag, 13. Juli 2014

Tag 41: Moroges - Taizé

Der Wecker klingelte um 5.00 Uhr und den hörten nicht nur wir,  sondern auch die Wolken:  um 05.02 Uhr begann es zu regnen.
Ich dachte "[Schimpfwort] Himmel" und stellte den Wecker eine halbe Stunde weiter.  Im Regen wollte ich meine Sachen nicht packen,  wenn es sich vermeiden lässt.  Um kurz nach halb 6 hatte es dann auch tatsächlich aufgehört und wir konnten trockenen Hauptes unsere Habseligkeiten verstauen und aufbrechen.
Die Bäckerei im Ort hat gerade Umbaupause und so gab es kein Baguette für uns. Wir liefen los und trafen schon wieder einen Pilger.  Dieses mal einen französischen Opi in rot-lila Kleiderkombi.
Nachdem wir eine Straße querten, sollten wir laut Führer bald im nächsten Ort sein. "Bald". Geht es noch schwammiger, wenn man die genauen Entfernungen vorliegen hat?! Dieses "bald" war dann nach etwa 2 km. Unsere Wasserflaschen konnten wir zum Glück nach 5 km in einem kleinen Örtchen auffüllen,  denn gerade verließ ein Paar sein Haus (um halb 8 wollten wir noch nirgendwo klingeln). 
Nach einigen Kilometern bergauf kamen wir an eine große Wiese,  auf der eine große Marienstatue die Aussicht ins weite Tal genoss.  Zu ihren Füßen verputzten wir unsere Reste, die wir noch in den Rucksäcken fanden: etwas Baguette und Käse, Schokolade und Nüsse. Da wir in Taizé versorgt werden,  war es auch ganz gut, die Reste zu essen. Der Himmel klarte auf und die Sonne brach durch,  so dass wir auf der kommenden Strecke unter blauem Himmel wandern konnten. 
Wir folgten dem hübschen Höhenweg bis in den nächsten größeren Ort,  den wir pünktlich zur Mittagspause der Apotheke erreichten. Ich besorgte noch schnell ein paar Tabletten, danach zogen wir weiter zum Supermarkt,  der eine halbe Stunde länger geöffnet war.  Wir bekamen Baguette frisch aus dem Ofen und pausierten mit zwei Pilgern, die auf ihrem Weg von Rom nach Vezelay hier durchliefen. Ich fand noch offenes Wlan, um mich bei meinen Freunden in die Taizépause abzumelden und dann machten wir uns an die letzten 12 km. Ich bin schon sehr gespannt auf die Tage dort.
Wir verließen den offiziellen Jakobsweg, da Taizé knapp 4 km abseits liegt und folgten einem Fahrradweg, der uns nach 1,5 Stunden zu einem kleinen See brachte, an dem sich zahlreiche Frösche tummelten. Nach einer letzten Pause zum Füße lüften und Knie entlasten liefen wir zum kleinen Örtchen Taizé, in dem derzeit etwa 1200 Besucher leben.
Eine kleine Gruppe quasi, denn über Pfingsten waren hier über 4000 Jugendliche und Erwachsene (wer mit Taizé nicht anfangen kann, googlet bitte, man findet sehr viel).
In der Anmeldung gerieten wir an einen jungen Mann,  der offensichtlich neu in diesem Job war (alle Aufgaben werden von ehrenamtlichen Helfern übernommen) und der leicht überfordert war, da Johannes und ich einen Sonderfall darstellten: Er ist knapp über 30 und schläft somit eigentlich in einem anderen Bereich als die Jugend, zu der ich noch 2,5 Jahre gehöre.  Er darf mit im Jugendbereich zelten,  soll sich für die Themenzeiten aber zu den Alten begeben.  Informationen bekamen wir nur wenige (dafür und aber Tee und Kekse) und liefen danach etwas planlos zum Zeltplatz, um unser Lager aufzuschlagen und zu duschen. Vorher holten wir unsere Pilgerausweise aus der Poststation. Der Brief war inzwischen angekommen und wir tackerten den neuen Ausweis an den Alten. Wir haben noch  für einen Stempel Platz im Ausweis,  es war also eine Punktlandung. Nun können wir wieder beruhigt hinsehen,  wenn es irgendwo einen Stempel gibt,  der sich über zwei Felder erstreckt. 
Dass wir hier bei einer Massenveranstaltung gelandet sind,  an der hauptsächlich Jugendliche teilnehmen, merkte ich überdeutlich an den sanitären Anlagen. So viele verschmutzte und verstopfte Toiletten habe ich selten gesehen. Die Abflüsse der Duschen waren voller Haare und Kosmetikartikel und rochen erbärmlich. Der Boden war schlammig braun und ich war froh,  zur Sicherheit eine Creme gegen Fußpilz dabeizuhaben.
Als wir zum Abendessen gingen und nach fast 20 Minuten warten endlich dran waren, erfuhr Johannes, dass er mit seiner Essenskarte eigentlich in den Erwachsenenbereich müsste. Das wurde uns aber nicht gesagt und freundlicherweise durfte er heute Abend hier mitessen. Es gab einen Klecks Nudeln mit etwas Sauce daran, ein bisschen Baguette, Obst, Joghurt und zwei Kekse. Wir gingen in die Kirche zum Abendgebet und darauf hatte ich mich lange gefreut.  Das Singen der meditativen Gesänge mit über 1000 Leuten ist einfach etwas besonderes.
In der Kirche wird nicht nur Wert darauf gelegt, dass Stille herrscht,  sondern auch darauf,  dass die Besucher angemessen gekleidet sind.  Da die Outfits der Jugendlichen im  Sommer diesen Ansprüchen natürlich nicht gerecht werden  gibt es Tücher, um nackte Schultern und Beine zu bedecken. In der Kirche war eine besondere Atmosphäre.  Die Farben sind in dunklen Gelbtönen und braun gehalten und vorn brannten zahlreiche Kerzen in viereckigen Kästen, die nach hinten offen waren. Durch die Fenster drang das Licht durch bunte Scheiben. An den Seiten gibt es Bänke und Stufen,  in der Mitte sitzen die Menschen auf dem Fußboden oder auf Gebetsbänkchen. Die Brüder der Gemeinschaft kamen nach und nach dazu und haben ihren eigene Bereich in der Mitte,  abgegrenzt durch kleine Blumenkübel. Sie sind alle in weiße Gewänder gekleidet.
Das Abendgebet wurde mit einem Lied eröffnet, danach wurde ein kurzer Text aus der Bibel in verschiedenen Sprachen verlesen, zu dem sich die Hälfte der Menschen in Richtung des Mikrofones in der Saalmitte umdrehte. Auf ein paar Lieder in verschiedenen Sprachen folgte eine lange Zeit der Stille (10-15 Min). Die Fürbitten wurden von den Brüdern gesungen und  der Chor antwortete mit einem Kyrie Eleison- Choral. Einige Lieder wurden noch gesungen, immer über mehrere Minuten, wie es üblich ist.
Irgendwann erhoben sich einige Brüder mitten im Lied und verließen die Kirche. Zwei von ihnen trugen ein Kreuz in den Gang der Brüder,  die übrigen rückten nach vorn. Ein paar Besucher setzten sich vor das Kreuz.
Das Aufstehen der Brüder war offenbar das Signal für alle, dass man jetzt gehen darf. Überall erhoben sich Menschen und gingen, teilweise singend, Richtung Ausgang. Wir wussten nicht,  ob es noch weiteres Programm gab oder nicht,  das wurde uns vorhin leider nicht erklärt (dabei hatte ich extra gefragt). Viele aber blieben sitzen und als nach 5 oder 6 Liedern nichts Neues passierte,  stahlen auch wir uns davon und schauten uns unten im Bereich um, in dem man sich abends noch aufhalten und laut sein darf. 
Hier gibt es auch Getränke und Snacks zu kaufen.  Alkohol darf nur hier unten getrunken werden, geraucht wird dafür überall auf dem Gelände.  Untersagt ist es nur in den Zelten und Häusern.  Die Jugendlichen rauchen beim Essen und in der Warteschlange, vor dem Klo und auf das Alter der Raucher scheint auch niemand zu achten. Die Getränke und Knabbereien werden zum Einkaufspreis verkauft, so gibt es Eis für 20-25 Cent und Cola für 60 Cent bis 1 €.
Als wir irgendwann zu unserem Zelt gingen wunderten wir uns, dass vor den Waschhäusern jede Menge los war. Ein Blick aufs Detail machte klar, woran das lag:  Nicht die Nähe zum stillen Örtchen war so verlockend, sondern hier gab es Strom! Mit mehreren Steckdosenleisten bewaffnet rücken die Jugendlichen gruppenweise  hier an und laden ihre Smartphones auf.  Da es hier nur kostenpflichtiges Internet gibt, dürften die Akkus sogar einen Tag halten. Bald verzogen wir uns ins Zelt und versuchten zu schlafen.  Hier war ich dankbar, bereits zu Hause Ohrenstöpsel eingepackt zu haben, denn es war ganz schön laut.  Wir hatten unser Zelt nämlich nicht allzu weit von den sanitären Anlagen aufgestellt,  da wir noch nicht wussten,  dass das bis in die Nacht der "place to be" sein würde. 
Verschlafen kann ich auch nicht, da mich morgens mein kleiner Schrittzähler mit Vibration weckt. So habe ich auch eine Uhr,  denn mein Handy bleibt während der Zeit hier aus. Ich brauche es ja nicht.

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