Donnerstag, 21. März 2013

21. März- Santiago de Compostela


Gestern Abend habe ich meiner Freundin und Arbeitskollegin Steffi eine SMS geschrieben, um Bescheid zu sagen, dass ich am Sonntag Abend wieder in Deutschland sein werde, damit ich ggf. noch in den Dienstplan eingetragen werden kann. Daraufhin hat sie mich angerufen und wir haben lange telefoniert. Das war richtig schön!

Heute morgen habe ich mich allein auf den Weg in die Stadt gemacht. Ich brauche Schuhe und eine Hose. In den Stiefeln will ich nicht mehr laufen und die Crocs sind ja kaputt. Ebenso wie meine Hose, die seit Wochen im Schritt durchgescheuert ist und die ich seit einigen hundert Kilometern mit Tape kleben musste, weil sie ein großes Loch hatte. 
Ich bin erst einmal eine ganze Weile durch die Stadt geirrt, ohne einen Stadtteil mit Kleidergeschäften zu finden. Noch hatte aber ohnehin kein Geschäft geöffnet, also lief ich zurück zur Kathedrale, um in der Touristeninformation zu erfragen, wo ich einkaufen könnte. Ich erfuhr, wo die "commercial Area" war und stiefelte los. Irgendwie fand ich aber nur Schuhläden mit schrecklichen Schuhen, in die ich kein Geld investieren wollte. Ich fand einen Billigladen, in dem ich ein Paar "Chucks"  im Jeanslook bekam. In Kombination mit der Jeans, die ich gekauft hatte, sah das war nicht so super aus, aber dafür haben die Schuhe nur 12€ gekostet und außerdem bin ich Pilger. Deswegen zog ich mich auch auf offener Straße aus (ich hatte eine Radlerhose drunter!) und wechselte Hose und Schuhe. Ob die Menschen so etwas hier öfter sehen?
Nach 35 Tagen in Wanderhose und Regenhose fühlte sich eine engen Jeans ganz ungewohnt an und auch nicht mehr so pilgerig. Auch die anderen fanden meinen Anblick ungewohnt.

Das Laufen durch die Stadt war richtig anstrengend und stressig. Nach über einem Monat hauptsächlich in Natur, Dörfern und kleinen Ortschaften stressten mich all die Leute, die Autos, der Krach und der Gestank der Stadt.
Ich war froh, als ich meine Einkäufe erledigt hatte und lief zur Kathedrale, um die Anderen zu treffen. Wir gingen in die Messe. Wir setzten uns in ein Seitenschiff, für den Fall, dass der Botafomeiro, der berühmte Riesen- Weihrauchkessel heute geschwenkt würde.  Eine Pilgerin, die wohl schon einmal hiergewesen war oder mehr als wir über die Prozedur gelesen hatte, eilte herbei und ließ alle Pilger in der Umgebung herumrutschen, damit jeder eine gute Sicht auf den Kessel hatte. Wir mussten an den Rand der Bank rutschten und setzten uns, als die Frau vorbeigezogen war, wieder so hin, wie es uns gefiel. Sollte der Kessel gewirbelt werden, dann würden wir schon zusammenrutschen. Kim setzt sich neben uns.
Eine Nonne kam nach vorn und sagte, dass der Kessel heute nicht geschwenkt werden würde und lud uns ein, uns umzusetzen. Aber dazu hatten wir keine Lust. Sie brachte uns 20 Minuten lang seltsam monotone Gesänge bei, damit wir bei der Messe fröhlich mitsingen konnten. Ich vermisse meine Kirche, da singt man echte Lieder und nicht nur langgezogene, lateinische Worte.
Allan verlor schon während der Übungseinheit die Lust auf die Messe. Als es dann endlich losging, wurde verlesen, welche Pilger Santiago erreicht hatten, woher sie kamen und wo sie gestartet sind. Aber leider wurden nur die Namen der Pilger verlesen, die heute vor der Messe im Pilgerbüro die Compostela abgeholt hatten. Wir Helden, die gestern erst am Mittag  angekommen waren, wurden einfach ignoriert, dabei hatten wir gefühlt viele tausend Kilometer hinter uns und verdienten es, geehrt zu werden. Wir wussten zwar, dass das passieren würde (Alex hatte uns gesagt, dass nur die Pilger vom Morgen verlesen werden), aber ein bisschen beleidigt waren Allan und ich trotzdem.

Die Messe war fürchterlich langweilig, weil ich ja nichts verstand und Allan kein Interesse hatte, also fingen wir an zu flüstern. Wir synchronisierten den Priester und lachten und kicherten ein bisschen, versuchten aber, uns zu beherrschen, falls Andere der Messe folgen wollten. Kim spielte die ganze Zeit mit seinem iphone, er kann ja auch kein Spanisch. Er sah sich Fotos und SMS an. Zwischendurch sangen wir bei den Gesängen aber im Tenor mit (ich bin ein bisschen heiser).
Dann standen alle auf, schüttelten den Leuten in der Umgebung die Hände und wünschten sich Frieden.
Dann kam der Moment, in dem viele weinten - Und Allan und ich hatten den Grund dafür verpasst. War die Messe so ergreifend gewesen? Oder war es die Messe als symbolisches Ende der Pilgerreise?  Kurz nach dem Händeschütteln, als alle wieder saßen, schaute Kim von seinem iphone hoch und sah, dass noch Menschen weinten. Dann fing auch er an zu weinen.

Nach der Messe verabschiedeten wir uns von den meisten Pilgern, die wir auf unserer Reise kennengelernt und hier wiedergetroffen hatten. Einige würden heute wieder nach Hause fliegen.
Allan, Hogy, Jonas, Kim, Nadja, Annegret und ich gingen mit Sandra, die uns alle einlud, weil sie noch Geld übrig hatte und es gern so wollte, in ein Café, aßen Snacks und tranken Bier.  Wir saßen draußen und genossen die Sonne.

Auf dem Weg zum Café kamen wir an einem Laden vorbei, indem wir die Tarte de Santiago (ein Mandelkuchen), diverse Kekse, Schnäpse und Wein probieren konnten. Alles kostenlos und gekauft haben wir dann auch nichts, das ist eben das Geschäft mit den Touristen.
Wir saßen lange im Café, bis wir uns nach ein paar Stunden aufrafften, um die letzten Besorgungen zu erledigen. Allan und ich machten uns auf die Suche nach einer Halskette für seine Freundin und ich wollte auch gern eine kaufen.
Wir verabredeten uns alle für 18 Uhr an der Kathedrale, um zu versuchen, einen Platz im Gratis- Pilger- Essen- Hotel- Service- Angebot zu bekommen. Das ist ein Angebot vom *****- Hotel neben der Kathedrale, die nach einer alten Tradition jeden Tag 10 Pilger zum Frühstück, Mittag- und Abendessen einladen. Dazu muss man sich unten an der Garage melden und isst dann in einem separaten Raum. Hogy kannte das von seiner letzten Pilgerreise und das Essen war wohl ganz gut.
Allan und ich zogen durch die Läden und fanden allerhand Touristenzeug und teure Ketten. Keine Chance, da etwas mit nach Hause zu bringen, was nicht übermäßig kitschig war. Wir fanden Anhänger, die uns aber zu teuer waren und verglichen die Preise in den verschiedenen Läden. Unglaublich, wie die Preisunterschiede sind. Wir sahen den gleichen Anhänger zwischen 25 und 47€.
Irgendwann fanden wir einen kleinen Laden, der die Kette relativ günstig hatte und ich kaufte mir auch eine kleine Muschelhalskette.

Danach liefen wir zurück zur Herberge, weil  Allan seinen Pilgerausweis brauchte, damit er im Hotel mitessen konnte und wir brachten auch den von Nadja mit.
Wir waren tatsächlich die Ersten an der Hotelgarage und dann gesellten sich noch zwei junge Deutsche dazu, die den portugiesischen Pilgerweg gelaufen waren.
Zu Essen gab es Spiegeleier und Schinken mit einem Salat und zum Nachtisch eine Scheibe Dosenananas. Ob man das ein 5 Sternetaugliches Essen nennen kann, ist fraglich, aber vielleicht gibt es auch einen Extra Pilgerkoch. Aber wir wollen nicht meckern, das Essen ist gratis und die Tradition ehrenwert.
Sandra hat mir heute wieder Shampoo und Duschgel aus dem Hotel mitgebracht.
Nach dem Essen trafen wir vor dem Hotel noch eine Reihe Pilger, von denen die meisten von uns nur German kannten. Den hatten wir ja in Leon kennengelernt.
Heute Nachmittag hatte ich ihn schon mit Allan getroffen. Da ist etwas "lustiges" passiert: Eine blinde Frau kam die Straße entlang und tastete sich mit ihrem Stock vorwärts. Da Pilgerrucksäcke aber so ausladend sind, ist sie genau in den Rucksack von German gerannt. Allan, der mit dem Rücken zur Frau stand, fing an zu lachen, weil er dachte, dass irgendjemand reingelaufen wäre, ohne hinzusehen. Besonders er, der ja so laut gelacht hatte, hatte hinterher ein furchtbar schlechtes Gewissen.

Nachdem wir uns mit den anderen Pilgern unterhalten hatten, legten wir uns vor die beleuchtete Kathedrale, um sie kopfüber zu betrachten. Das war ein Tipp aus Annegrets Pilgerführer, der eine neuere Auflage als meine war. Die Kathedrale sieht aus der Perspektive wirklich noch einmal ganz anders und beeindruckend aus und wir lagen eine Weile herum.
Danach gingen wir zurück zur Herberge und deckten uns auf dem Weg mit Alkohol und Verpflegung für die morgige Reise nach Finisterre ein. Dann setzten wir uns auf die Treppe vor der Herberge, tranken und unterhielten uns. Danach setzten wir uns in die Küche und die Meisten tranken weiter. Jonas hatte einen Whiskey und Hogy eine Art Baileys gekauft und die Flaschen wurden herumgereicht.
Ich hatte aber keine Lust, mich zu betrinken und trank nur Alsterwasser (also Radler, für die südländischen Leser) und nur ein wenig von den anderen Getränken. Kim fing an- er war schon recht betrunken- versaute Witze zu erzählen, die Hogy übersetzen musste. Dabei musste er oft so lachen, dass er die Pointen versaute und wir nur die Hälfte verstanden. Es war ein lustiger und heiterer Abend und gegen halb 12 gingen wir nach oben, um langsam schlafen zu gehen. Morgen früh will ich mit Allan, Hogy und Kim den Bus um 10 Uhr ans Meer nehmen. 


Etwas verzerrtes Panoramafoto

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