Donnerstag, 14. März 2013

14. März- Triacastela (ca. 33 Km)


Um 7 Uhr wurden wir mit "Ave Maria" geweckt. Vorher durften wir auch laut Aussage der Hospitaleros nicht aufstehen (ich hatte schon Angst, in der Nacht auf dem Weg zum Klo erwischt zu werden). Teresa schlief über mir und das tat sie bereits, als wir zu Bett gingen. Als wir schließlich im Bett lagen, fragte sie laut im Schlaf "Warum? What's wrong?", war aber leider nicht zu weiteren Unterhaltungen aufgelegt.

Nach einem Frühstück starteten wir heute wieder recht spät. Gegen 9 Uhr machten wir ein Gruppenfoto vor der Herberge und machten uns dann auf, um den hohen Berg zu besteigen.
Der Anstieg hatte es in sich und so lief ich heute wieder in meinen Stiefeln. Ich habe noch einige schmerzhafte Blasen, aber es war auszuhalten. Nach ein paar Km erreichten wir den kleinen Ort La Faba, wo wir an einem Brunnen Rast machten und ich lange mit 2 verschmusten Katzen spielte. Die kamen zusammen mit zwei Hunden angelaufen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Für hundeängstliche Menschen ist das sicher oft gruselig, weil manche Hunde sehr offensiv auf die Pilger zugehen, um Liebe zu bekommen. Hogy hat es teilweise auch schwer und versucht, ab heute immer in unserer Nähe zu bleiben. Heute kommen wir nämlich nach Galicien und hier wurde er ja auf seinem ersten Camino von einem Hund gebissen. Er ist jetzt allen galicischen Hunden gegenüber voreingenommen und möchte nicht riskieren, einem allein zu begegnen.

Weiter ging es steil bergauf und wir konnten eine wunderschöne Aussicht genießen. Wir überquerten die Grenze nach Galicien- Endlich waren wir in der letzten Region angekommen. Unfassbar, wie viel Strecke wir bereits zu Fuß hinter uns gebracht haben!
Kurz darauf erreichten wir O Cebreiro. Ein kleines altes Dorf, in dem überall Hunde und Katzen herumlagen und mit einer gradiosen Aussicht. Was für ein Glück, dass heute richtig gutes Wetter war. Wir setzten uns auf eine Mauer und genossen lange die Aussicht. Wie ärgerlich wäre es gewesen, nach dem Aufstieg nur Wolken sehen zu können.






Nach dem Essen machten wir uns an den Abstieg, liefen aber noch einige Zeit bergauf und bergab. Nach einer Ewigkeit erreichten wir die zweite Bergspitze und ließen uns auf einer Mauer nieder, um uns auszuruhen. Ich lief heute zusammen mit Allan, Hogy, Teresa und Nadja.
Die nächsten 3,5 Km ging es immer bergab, bis wir in ein Dorf kamen, in dem eine alte Frau uns mit Pfannkuchen erwartete. Ich wusste aus meinem Buch, dass Carmen hier wohnt und die Pfannkuchen gegen "Spende" an die Pilger ausgab. In Wirklichkeit fordert sie aber ganz gut Geld für die kleinen Teile und verdiente sich wohl eine gute Rente damit. Im Sommer laufen hier ja unzählig viele Pilger durch.
Als wir alle unsere Pfannkuchen gegessen hatten, hielt die Dame fordernd ihre Hand auf und warf Hogy einen verärgerten Blick zu und begann zu diskutieren, als er weniger als einen Euro gab.

Hier merkte ich, dass mein Handy nicht mehr da war.
Ich ging zu meinem Rucksack und durchwühlte die Fächer: Nichts. Ich hatte doch oben auf dem Berg noch eine SMS von meiner Mama bekommen, also musste es eigentlich in meiner Hose sein. Nichts. Ich kontrollierte jede Tasche mehrfach und musste einsehen: Ich hatte es verloren.
Da wir nach der Pause hinter der Bar nicht mehr angehalten hatten, müsste das Handy also noch dort liegen. Vermutlich ist es mir aus der Hosentasche gerutscht.
Carmen kannte die Nummer der Bar und rief freundlicherweise an.
Die Barbesitzer guckten aber nur flüchtig vor der Tür auf die Tische und die Erklärungen, dass sie um die Ecke gucken müssen, an der Mauer, wo wir gesessen hatten, brachten nichts: Es läge nicht vor der Tür.
Es war bereits Nachmittag. Noch einmal hochlaufen würde mich Stunden kosten und der Weg war recht steil. Ein Fahrrad besitzt hier keiner und auch ein Auto ist nicht da. Ich überlegte schon, ein Taxi zu rufen oder einfach zu heulen. Ich brauche mein Handy, nicht nur, weil ich kein Geld für ein Neues hätte, sondern weil ich den Kontakt zu meinem Freund brauche.

Dann fiel uns ein, dass Kim ja irgendwo hinter uns war und glücklicherweise hatten wir Hogy hier, denn er hatte die Nummer und konnte koreanisch. Auf Englisch hätte Kim unser Anliegen nicht verstanden.
Er rief an und tatsächlich: Kim war gerade wenige Meter vor der besagten Stelle und dabei, die letzten steilen Meter zu bewältigen. Das war nun wirklich ein Zufall!
Nach wenigen Minuten (als er wieder Luft bekam) rief er zurück und Hogy erklärte ihm, wo wir gesessen hatten. Er sah nach und fragte "Ist es ein schwarzes Samsung?" Als ob da ein ganzes Sammelsurium von verlorenen Telefonen liegen würde- Aber ja, das war es! Es war auf der kleinen Mauer aus meiner Hosentasche heraus und ins Beet gerutscht.
Das war wirklich ein Camino- Wunder!
Kim hätte sonstwo sein können und hätte ich es später bemerkt, dann wäre er vorbeigelaufen und wenn ich es eher gemerkt hätte, hätte ich mich noch lange gedulden oder zurücklaufen müssen. Ich war so glücklich über das perfekte Timing, dass es mir die Freudentränen in die Augen trieb.
Wir liefen immer weiter bergab und meine Füße schmerzten immer mehr.
Zudem wurden wir auch noch fast von einem aggressiven Schäferhund angegriffen und ich war froh über Kittys Stock, den ich schützend vor mich halten konnte. Ich weiß nicht, ob er mir viel gebracht hätte, aber dieser Hund wirkte wirklich aggressiv. Das fängt ja gut an mit den galicischen Kötern…

Danach musste ich meine Stiefel ausziehen, weil ich es wegen der Blasen nicht mehr ertragen konnte. Wir hatten noch über 4 Km vor uns und meine Füße taten so weh, dass ich nicht mehr weiterlaufen wollte. Die Straßen waren schlecht und wir hatten bereits 29 Km hinter uns. Ich fühlte eine neue Blase und merkte, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, den Aufmunterungsbrief von Alex zu lesen. Den hatte sie vor der Abreise mitgegeben. Es war herrlich, denn der  Brief war voller Zitate und lustiger Dinge, die wir zusammen erlebt hatten. Ich musste herzlich lachen und einiges für meine Freunde übersetzen.
Danach fiel das Laufen gleich ein bisschen leichter! 

=)
 Wir durchwanderten eine Reihe kleiner Dörfer und es war die Zeit, in der die Bauern ihre Kühe vom Feld in die Ställe trieben. Die Tiere kamen uns auf den schmalen Wegen entgegen. Ich liebe so etwas und hatte meine Freude daran. Nadja und Teresa warteten auf uns, weil sie nicht allein an den großen Tieren vorbeilaufen wollten. Nach einer weiteren Stunde kamen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit endlich zur Herberge. Da es auch hier keine Küche gab, kauften wir im Supermarkt wieder für die "kalte Küche" ein. Da es ein recht kleiner und teurer Laden war, war der beste Deal für mich eine Dose Ravioli, die schmeckt auch kalt. Außerdem kaufte ich eine Flasche Wein für unseren King Kim, den Held meines Telefons.


Heute waren in der Herberge zwei junge Männer, die auf Walz sind und in ihrer grauen Handwerkerkluft liefen. Die Anderen kennen diese Kluft nicht und hielten die Männer für sonderbar, aber ich konnte ihnen versichern, dass zumindest der Kleidungsstil nicht besonders verrückt war. Wir hörten auch, dass Kitty heute hinter uns zurückgeblieben und in einer anderen Herberge eingekehrt war. So hatte ich sie also mitsamt ihrem Stock überholt. Morgen werde ich ihn irgendwo auf den Weg legen, wo keine Autos fahren und hoffen, dass sie ihn findet.

Kim kam in die Herberge, als es schon lange dunkel war. Eigentlich hatte er in einem der Orte vor Triacastela schlafen wollen, konnte es aber nicht übers Herz bringen, mich ohne Handy und SMS an Johannes schlafen zu lassen. Seit heute trägt er den Namen "King Kim".

Als wir ins Bett gehen wollten, fror Teresa so sehr, weil die Herberge nicht geheizt und ihr Schlafsack nicht warm genug war, so dass ich kurzerhand die Gardine vom Fenster nahm und sie damit zusätzlich zudeckte. Zuerst war sie skeptisch, aber als sie merkte, dass es eine Menge brachte, war sie dankbar. Es sah lustig aus, war aber effektiv. 

Gardinendecke
Großer und kleiner Pilger

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