Dienstag, 19. Februar 2013

19. Februar- Puente da Reina (ca.25 Km)


Heute morgen kamen die Jungs, die gestern einiges an Bier getrunken hatten, schlecht aus dem Bett.
So blieb ich noch etwas liegen und fühlte in meinen Körper hinein (irgendwie kann ich das nicht ausdrücken, ohne dass es seltsam klingt). Die Füße fühlen sich recht gut an und die Hüftschmerzen sind fast völlig verschwunden.
Mit dem Compeedpflaster kann ich wieder ganz normal laufen und spüre die Blase nicht mal mehr, das habe ich gestern Abend auf der Tour getestet.
Nach dem Aufstehen lief ich ins Bad und in meinen Billigcrocs, die ich kurz vor Reisebeginn noch für 5€ im Baumarkt geholt hatte, fühlten sich die Füße ganz gut an.
Ich zog die Stiefel an und es war wie gestern: Der linke Fuß fühlte sich gut an, aber der Rechte, als sei die Einlage falsch herum drin oder der Schuh zu klein bzw. schief. Vermutlich hat mein Fuß diese Defizite und der Schuh ist unschuldig.

Allan hatte echte Probleme, in die Gänge zu kommen und wollte erst noch etwas essen. Duck, René und ich liefen also schon mal los. Besser gesagt, wir pilgerten los. In Pamplona sind Pilger ja an der Tagesordnung und so wusste jeder, warum am Morgen nach Karneval Gestalten mit Rucksäcken und Wanderstöcken durch die noch verschlafene Stadt liefen und man wünschte uns einen "Buen Camino", einen guten Weg.
So liefen wir aus der Stadt heraus, vorbei an einem Mann, der sich lautstark das gestrige Abendessen (oder Anderes) durch den Kopf gehen ließ. In einem kleinen Café machten wir eine Frühstückspause. Danach trafen wir Frank, einen Amerikaner, der nach Norwegen ausgewandert ist und in seinem Spezialwagen alles dabei hat, was das Herz begehrt. Er könnte damit vermutlich die Welt retten.
In seiner Begleitung befand sich die Koreanerin, die wir gestern in der Herberge gesehen hatte, die sich aber in ihr Bett verkrochen und mit niemandem gesprochen hatte. Wir liefen gemeinsam weiter und bald hatte auch Allan uns eingeholt.

Ein Schild an der Universität ließ uns wissen, dass es noch 705 Km bis nach Santiago zu laufen wären. Viele Km später meinte ein anderes Schild zu wissen, dass wir noch 697 km vor uns hätten und mein Pilgerführer meint etwas ganz Anderes. Na ja, wer kann das schon so genau sagen? Fakt ist: Es ist noch echt viel und der Weg muss gelaufen werden, egal wie lang er jetzt genau ist, aber die ersten 100Km haben wir bereits geschafft!

Wir kamen an einem defekten Brunnen vorbei, aber heute hatte ich vorgesorgt und beide Flaschen gefüllt. So etwas passiert mir nicht nochmal.
Ich trage derzeit einen Liter auf dem Rücken und komme damit ganz gut hin. In der Herberge betrinke ich mich immer mit Wasser, unterwegs bin ich sparsam, um nicht so oft die Blase leeren zu müssen. Ich bin schließlich kein Mann, der nur den Reißverschluss öffnen und sich einen Baum suchen muss. Ich muss meine ganzen Schichten auseinanderpulen, frieren und danach alle Lagen wieder vernünftig in ihre Positionen bringen. Radlerhose, lange Unterhose, Wanderhose und Shirt, Pulli, Jacke und ggf. Regenjacke. Da will jeder Gang in den Busch gut überlegt sein.
 Die ersten Km verliefen echt gut, die Hüfte schmerzt quasi gar nicht mehr und die Füße waren okay. Ich fühlte mich schon richtig eingelaufen, bis… Ja, bis der Berg kam, auf den wir klettern mussten. Wir sahen schon von Weitem die Windräder auf dem Kamm und die waren so klein, dass ich gedacht hätte, dass  man für den Aufstieg Wochen braucht.


Wir liefen bereits seit vielen Km über Schotterpisten, immer darauf achtend, wohin man den Fuß setzte, um nicht umzuknicken, denn es lagen echt große Steine dazwischen. Der Weg begann zu steigen und spontan verließ mich die Motivation und weil es den Anderen nicht besser ging, machten wir bald eine Pause und drehten dem Gipfel den Rücken zu. Wir schwitzten bereits jetzt schon von den kleinen Hügeln, die vor dem eigentlichen Aufstieg lagen.
Der Weg zog sich unendlich weit über Trampelpfade zum Gipfel. Die Windräder waren immer noch verdächtig klein und als wir noch gut 1,5 Km bis zum Gipfel hatten, wurde der Weg schlammig und es sah ein bisschen nach Regen aus.
Das Laufen wurde beschwerlich, der Schlamm blieb an den Schuhen hängen und machte mich mindestens 7 cm größer, also 1,70m!
Dummerweise wog er auch eine Menge und es war echt anstrengend, den Fuß aus dem Sumpf zu ziehen und hochzuheben. Wir klopften bei jeder Gelegenheit zentimeterweise Schlamm vom Schuh, aber es half nichts, das Meiste blieb einfach hängen.
Irgendwann kamen wir oben an und wurden mit einer wunderbaren Aussicht belohnt.
Glücklicherweise regnete es nicht. Wir machten eine lange Pause und bewunderten die Pilgerfiguren auf dem Kamm. 

Ein Blick auf die andere Seite des Berges verriet, dass es gleich ebenso weit wieder heruntergehen würde und irgendwo am Horizont in 10 Km Entfernung lag der Ort mit der heute angestrebten Herberge.
Wir fotografierten uns gegenseitig in der Pilgerfigurreihe und die Spanier haben viele Faxen gemacht. Schade, dass sie alle kein Englisch können, der Eine ist ein richtig lustiger Kerl, aber wir mögen uns auch ohne Worte. 

Bergablaufen ist für den Körper belastender und oft anstrengender als der Aufstieg und tatsächlich fingen meine Füße schon bald an zu protestieren, denn der Weg führte auf einer nervigen Schotterpiste steil bergab. Hier musste man ganz genau aufpassen, wo man hintritt und darauf, die Gelenke nicht zu sehr zu belasten.
Nach einiger Zeit machten wir eine Pause, denn es begann zu regnen. Bisher hatte sich das Wetter gut gehalten und es war nicht besonders winterlich. Ein paar Minuten Nieselregen und wir mussten einsehen, uns fast umsonst in die Regenoutfits geworfen zu haben.
Nach dem Abstieg war der Weg ganz gut zu laufen, aber meine Füße taten wieder sehr weh. Die ersten Tage meines Caminos sind damit gefüllt, sich an die Belastung zu gewöhnen, meine Füße zu hassen und die verbleibenden Km zu zählen. Zu anderen Gedanken bin ich kaum fähig. Ich hoffe, ich werde nicht bis Santiago so leiden (sonst klicken hier im Blog irgendwann auch alle weg).
Francois erzählte uns viel über die Landschaft, das Baskenland und seinem Lebensstil mit den vielen Reisen. Die Landschaft war grün, gar nicht so winterlich- kahl wie bei uns, sehr hübsch anzusehen und schon deutlich anders als noch vor ein paar Tagen.

Da mussten wir runter
Wir kamen in ein Dorf und waren froh, dass es von hier aus nur noch 3 Km sein sollten und stellten am Ortsausgang enttäuscht fest, dass es der falsche Ort war. Aber egal, der Weg muss gelaufen werden, auch wenn es ein paar mehr Km sind als erhofft.
Als ich irgendwann wieder das Ende meiner Kräfte kommen sah, erreichten wir Puente la Reina, mussten nur ein kleines Stück durch den Ort und waren endlich angekommen.

Wie jeden Tag gab es den Stempel in den Ausweis und wir bezahlten den kleinen Obolus für die Nacht. Heute waren es 4€, an den anderen Tagen zwischen 5 und 8€.
Das ist natürlich echt günstig, aber in einer über- 30- Tage- Wanderung kommt da dennoch einiges zusammen. Die Zimmer sind immer mit Etagenbetten, je nach Größe schlafen dann so 6- 20 oder mehr Pilger in einem Raum. Heute haben wir das erste Mal mehr als einen Schlafraum gefüllt, pro Zimmer schlafen hier nur 10 Pilger.
Nach einer heißen Dusche und dem Kochen folgte für mich nur noch die pure Entspannung: Liegen, mit den Anderen vom Bett aus plaudern und Tagebuch schreiben.
Heute Abend lief ein Fußballspiel, das die Männer unbedingt sehen wollen und ich erklärte mich bereit, wachzubleiben und sie abends hereinzulassen, denn die Türen würden um die Zeit bereits geschlossen sein.
Aber nach der ersten Halbzeit kamen sie zum Glück schon wieder, denn ich wurde langsam müde. Den Abend verbrachte ich mit der Koreanerin You- Jin, die nicht viel Englisch kann und sich noch weniger traut, es zu sprechen. Aber wir unterhielten uns gut und verbrachten einen lustigen Abend zusammen.

Abends kam noch ein Finne an, der mit einem kleinen Rucksack unterwegs war und die 4 Kg kämen auch nur vom vielen Proviant. Einen Schlafsack hatte er nicht dabei, aber es gab Decken in der Herberge. Er wirkte etwas verpeilt und erzählte, dass er um 14.30 Uhr in Pamplona direkt nach seiner Ankunft losgelaufen sei. Im Dunklen kann man die Wegmarkierungen nur schlecht finden, weil man nie weiß, wo sie sind: Auf der Straße, unten an Hauswänden, oben an Hauswänden, an Markierungssteinen,…
Schon am Tag muss man die Augen offenhalten und der Finne hatte auch Probleme, den Weg zu finde, aber er ist gut angekommen und das ist die Hauptsache.

Erfreut stellte ich heute fest, dass ich bisher noch keine Anzeichen meiner Stauballergie feststellen konnte. Es gibt zwar keine Teppiche, aber Wolldecken und Matratzen bieten ja genug Platz für Milbenkacka.
Oft haben die Betten aber Gummibezüge, um Bettwanzen vorzubeugen und vielleicht helfen sie auch gegen meine Allergie.
Meine Oropax habe ich an jetzt immer im Schlafsack in einer kleinen integrierten Tasche, heute Nacht sind wieder Schnarcher an Bord.

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