Mittwoch, 27. Februar 2013

27. Februar- Atapuerca (ca. 30 Km)


Heute morgen bin ich irgendwie nicht aus dem Bett gekommen und den Anderen ging es nicht besser. Der Hospitalero drehte gegen 7.45 Uhr fröhliche spanische Musik auf, um uns aus den Betten zu werfen.
Ich brach heute mit Allan auf und blieb den ganzen Tag mit ihm zusammen. Zuerst suchten wir einen Bäcker- Allan hat große Blasen, da ist jeder Umweg eine Qual- und kauften frisches Baguette. Habe ich schon erwähnt, dass ich es bald nicht mehr sehen kann?
Nach gut 12 Km machten wir eine Frühstückspause. Heute ging es durch ein Dorf, in dem ich merkte, dass es der letzte Laden vor Burgos sein würde (da kommen wir erst morgen an). Da es nur ein Miniladen war, mussten wir ganz schön Geld hinlegen, aber die Preise können die Besitzer sich sicher leisten. Aber ein Eis war trotzdem drin, denn vor der Tür hatte sich eine kleine Pilgerschar zusammengefunden und das Wetter war schön. Auch ein kleiner Hund wuselte um uns herum und nahm wie selbstverständlich auf meinem Schoß Platz.

Regen hatten wir bisher nicht wirklich, sondern oft Sonnenschein und klaren Himmel. Mittags wird es sogar so warm, dass ich die Ärmel und Hosenbeine hochkremple. Und ich dachte, eine Zip- Offhose sei im Februar unnötig…
Ich traf auch auf Philippe und erfuhr, dass es sein Handschuh war, den ich gestern aufgesammelt habe. Er meinte, dass er sicher war, dass ihn jemand mitnehmen würde und war froh, ihn wiederzuhaben.

Heute ging es 12 Km durch eine Schneise im Wald. Ein breiter Weg, teilweise schlammig, teilweise liegt sogar noch Schnee. Je nachdem, ob der Weg Sonne abbekommt oder nicht. Er zog sich unendlich in die Länge.
Nach ein paar Km machten wir Pause vor einer "Halfpipe", einer Senke, in die wir reinmussten und wo es am anderen Ende steil wieder hochging. Ich wünschte mir eine Brücke, aber weil die nicht erschien, ruhten wir uns erst einmal aus.
Da kamen Philippe und Patrick vorbei. Philippe erzählte lachend, dass er jetzt den anderen Handschuh verloren hätte.
Patrick schrieb an die Leitplanke am Wegesrand "Ultreia You- Jin, Hogy, Sabine" ("immer weiter"), aber ich bezweifelte, dass sie es entdeckt haben.
Wir liefen weiter und erfreuten uns am Weg, der so durch den Wald lief, wo es nichts Anderes gab als Bäume und den Weg geradeaus. Als wir keine Lust mehr hatten, weil unsere Füße schmerzten und uns die Gegend anzuöden begann, lag plötzlich ein Stein vor uns auf dem Weg, auf dem geschrieben stand "Ultreia Birte & Allan" Wie cool! Das hat uns echt einen Motivationsschub gegeben.

Als wir nach einer unglaublich langen Zeit endlich aus dem Wald herauskamen, trafen wir im Ort die Männer und ein paar andere Pilger wieder, die gerade Pause machten. Sie hatten beschlossen, nicht in Agès zu schlafen, sondern nach Atapuerca weiterzulaufen und hatten eine Nachricht auf einen Briefumschlag geschrieben und diesen mitten auf den Weg gelegt. Atapuerca war nur 3,7 Km weiter, aber 5€ günstiger, also schlossen wir uns dem Plan und der Einladung an und liefen auch dahin. Wir fügten unsere Namen auf dem Umschlag hinzu, damit die Anderen hinter uns Bescheid wussten. Wir machten eine Pause und liefen dann mit Philippe weiter, der noch eine Blase am Fuß versorgen musste. Es ging über steinige Wege durch Wälder und Hügel und wieder einmal musste man aufpassen, wo man hintritt.
Wenn ich einmal einen Moment unaufmerksam bin, knicke ich um oder trete gegen einen Stein und dann fährt der Schmerz durch den ganzen Fuß. Glücklicherweise gehen meine Stiefel über die Knöchel und stützen den Fuß, so dass mir beim Umknicken nichts passiert. In Agès angekommen, verlief der Weg nach Atapuerca auf der Landstraße und Allan erzählte von allerhand Streichen, die er in der Schule angestellt hatte und so  kamen wir lachend im Ort an, wo wir die Herberge bestimmt 15 Minuten suchen mussten. Am Weg stand ein anderer Name als in meinem Buch, aber selbst der Wegbeschreibung folgend, wollte sich die Herberge nicht zeigen. Irgendwann entdeckten wir den gesuchten Namen klein an der Rückseite eines Hauses.

Die Herberge gehört zu einer Bar und die Dame war sehr überrascht, dass wir so viele Leute waren, normalerweise schlafen die wenigen Pilger im Winter im Zimmer über der Bar, wo aber nur Platz für 3 Leute ist und so musste sie die Scheune aufschließen, denn wir waren jetzt schon 7 und vielleicht würden noch mehr kommen.
In der Scheune war es sogar kälter als draußen und es war klar zu erkennen, dass wir die ersten Besucher des Jahres waren. Es war total schmutzig, lauter tote Fliegen und andere Insekten lagen auf den Betten und es sah aus, als wären schmutzige Sachen über den Betten ausgeschüttelt worden.
Das Wasser war nach 3 Stunden immer noch so eiskalt, dass das Duschen heute ausfallen musste, was mir gar nicht gefällt. Aber hart genug, um mich im eiskalten Haus unter die kalte Dusche zu stellen, war ich dann doch nicht.
Also gingen wir alle in eine Bar im Ort, wärmten uns auf, tranken Bier und knabberten Sonnenblumenkerne.
Nebenbei lief eine sehr schlechte spanische Soap im Fernsehen und ich musste lachen, weil man auch ohne Spanischkenntnisse sehen konnte, dass das hier echtes Trash- TV war.
In der Herberge überredeten die Jungs die Frau in der Bar, einen Topf herauszugeben und kochten Nudeln. Da einige Nudeln übriggeblieben waren, bekam ich auch einen Teller und weil ich die nicht trocken essen wollte, gab es… Schokosauce dazu! Verrückt, aber lecker. Und allemal besser als nichts. Glücklicherweise hatte die Dame einen Heizstrahler in der Scheune stehen, an dem wir uns ein bisschen wärmen konnten.
Seltsame Bäckerei
Inzwischen war noch ein Pilger angekommen. Ein Deutscher, der sehr seltsam war und nach eigener Aussage auf dem Rückweg nach Konstanz, wo er auch gestartet sei. Er erzählte, dass er unterwegs ein paar "Hänger" hatte und in Wohnungslosenunterkünften geschlafen hätte. Ob er in Deutschland noch eine Wohnung hatte, wusste er nicht. Er war seltsam, starrte oft minutenlang in die Luft, lachte gruselig und hatte einen so starken Husten, dass die Hospitalera unbedingt einen Rettungswagen rufen wollte. Der Mann war aber gerade erst in Burgos im Krankenhaus gewesen und gestern entlassen worden. Er hatte die Papiere dabei und konnte die Dame überzeugen, ihn in Ruhe zu lassen. Der Husten war wirklich heftig und einige Pilger hatten Angst, sich anzustecken.
Er hatte keinen Schlafsack und auch keinen Rucksack dabei. Also musste er einige der Decken nehmen, die in der Herberge lagen und hat dabei gleich mal ein paar Spinnen aufgescheucht.
Vor der Spüle stand eine kleine Wand, so dass zwischen Spülbecken und Wand nur etwa ein Meter Platz war. Der Deutsche stand am Becken, spülte seinen Teller und ich stand mit 2 Anderen auch "im Gang" und wartete darauf, unsere Sachen spülen zu können. Der Mann stand am Waschbecken, blickte eine Minute starr geradeaus und sagte dann in einem ganz kuriosen Tonfall: "Könnt ihr mich BITTE mal rauslassen?!"
Er hätte genug Platz gehabt, an uns vorbeizugehen, aber dennoch rückten wir nah an die Küchenzeile, damit er durchkonnte.
Wir sind alle ziemlich froh, dass er morgen in die entgegengesetzte Richtung laufen wird. Ich würde fast sagen, dass er irgendetwas mit der Psyche hat, aber da er gerade im Krankenhaus war und wieder freigelassen wurde, ist er vielleicht einfach in den Monaten der Einsamkeit etwas seltsam geworden (oder war es schon immer)?

Am Abend saßen wir alle (bis auf den Deutschen, der hustete sich im Bett die Seele aus dem Leib) im Vorraum am Ofen und unterhielten uns. Einer der Pilger erzählte, dass er den Jakobsweg läuft, weil er bis vor einigen Monaten in einem Hochsicherheitsgebäude gearbeitet hatte, das überfallen wurde (und wo viel Geld entwendet wurde). Dabei wurde sein guter Freund bei einer Explosion getötet und er hat ihn noch auseinandergerissen ansehen müssen. Er erzählte von den Missständen, dass viel Geld in Sicherheitstechnik investiert würde, aber am Personal gespart. So hatten die Mitarbeiter keine Chance, als die Einbrecher, getarnt als Polizisten, das Gebäude überfielen. Er ist dann den Jakobsweg von Paris aus gelaufen und konnte heute das erste Mal ohne Tränen von der Geschichte erzählen. Er hatte es geschafft, sich von seinem Freund auf dem Weg zu verabschieden.

Bevor wir ins Bett gingen, bauten wir noch das Sofa vor dem Ofen auf und legten Decken hin, damit der Psychodeutsche umziehen konnte. Er wollte im Nebenraum schlafen, um niemanden anzustecken und außerdem war es warm am Ofen. Aber außer der Spinne, die ich in den Decken rübergetragen habe, hat niemand am Ofen genächtigt.
Ich legte mich in meinen Schlafsack und hoffte, dass mir sowohl Kälte als auch Ungeziefer vom Leib bleiben würden. Der kleine Heizstrahler hat nicht genug Power gehabt, um die Scheune zu erwärmen und vermutlich ist sie ohnehin schlecht isoliert.
Hogy und You- Jin haben wir heute nicht mehr gesehen. Vermutlich sind sie in Agès geblieben oder durchgebrannt.

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