Mittwoch, 20. Februar 2013

20. Februar- Estella (ca. 22 Km)


Tag für Tag wird später aufgestanden. Ich wache meistens schon von allein gegen 7 Uhr auf, oder 15 Minuten später vom Wecker. Die Jungs schlafen immer länger. Bis auf Francois, der schon so gut wie fertig war, als ich mich gegen 7.20 Uhr anzog. Gegen 8 Uhr machte ich so viel Krach, dass die Schlafmützen sich erhoben und packten. Das war nötig, denn um 8.30 Uhr mussten wir aus der Herberge raus sein.
Tatsächlich stand auch sehr pünktlich (was eigentlich nicht so dem Wesen der Spanier entspricht) eine grummelig dreinblickende Raumpflegerin in der Tür und scheuchte uns mit ihren Blicken hinaus.

Frühstück gibt es in den Herbergen in der Regel nicht und wenn, dann meistens gegen hohen Aufpreis. So laufen wir immer erst ein paar Km und frühstücken, wenn wir einen Bäcker oder Laden finden. Überraschungen erlebe ich Fin Sachen Einkaufsmöglichkeiten nicht, mein Pilgerführer weiß um jeden Supermarkt und Tante Emmaladen. Ich bin tatsächlich so gut informiert, dass meine Freunde manchmal schon lachen müssen ("Hinter der Kurve kommt ein kleines Geschäft" oder so). Allan und Duck haben ihre eigenen Karten noch gar nicht ausgepackt, weil ich ohnehin mehr Informationen habe.
So wissen wir immer, wie viel Proviant wir mitnehmen müssen und wie viel Wasser wir brauchen (es sei denn, die Brunnen sind wieder kaputt). Außerdem gibt es viele Infos zur Route, Wegbeschreibungen, wenn die Ausschilderung schlecht ist und markante Punkte, an denen man genau festmachen kann, wie viele Km man noch laufen muss.

Meine Füße fühlen sich mittlerweile ganz gut an.
Gut, die Innenseite des linken Fußes schmerzt, ich muss täglich 2 Zehen am rechten Fuß zum Schutz vor Blasen tapen und brauche Compeed am Fußballen, aber sonst kann ich nicht klagen.
Heute hatten wir etwa 22 Km vor uns und es sollte wie immer durch hügeliges Land gehen, aber heute mal ohne einen richtigen Berg dazwischen.
Einen Hügel belächelte ich mild mit dem Gedanken an die hinter uns liegenden Riesen und entschuldigte mich unterwegs, als ich doch gut ins Schwitzen kam und etwas schnaufen musste.

Seit wir aus den Bergen raus sind, ist das Wetter sehr frühlingshaft und sonnig. Ich hätte die Jacke gern ausgezogen, aber das war mir zu gefährlich, bei dem Wetter erkältet man sich ja doch schnell. Immerhin sind es noch unter 10°C am Tag, auch wenn einem beim Laufen richtig warm wird. Wie kühl es ist, merke ich besonders in den Pausen, wo ich schnell friere. Ich bin froh um meine lange Unterhose.
Die Mütze und Handschuhe trage ich aber nur morgens. Ich bräuchte die da auch nicht unbedingt… Aber ich trage sie 800 Km, also werde ich sie auch benutzen! Aber nach spätestens 3 Km muss ich sie ausziehen, weil es zu warm ist.

Oben auf dem Hügel fanden wir eine Bank und machten Pause. Im Zaun, der die Pilger von der Straße trennte, die hier verlief, entdeckten wir aus Stöcken gebastelte Kreuze. Das scheint eine dieser Pilgertraditionen zu sein, wie das Stapeln von Steinchen auf Wegmarkierungen und das Steintürme am Wegesrand bauen.
Heute liefen wir viel durch Weinberge, derzeit sind die aber leer und nicht besonders hübsch anzuschauen. Die Landschaft verändert sich von Tag zu Tag. Aber wenn ich überlege, wie weit ich eigentlich laufe, ist das kein Wunder. Heute Abend werden es schon 122Km sein, die ich zu Fuß gelaufen bin. Es geht oft durch ruhige Natur und ich genieße das viele an- der- Luft- sein.

Als wir auf einer hübschen Brücke über einem kleinen Fluss Pause machten, zog einer der Jungs (ich möchte keine Namen nennen) sein T- Shirt aus und legte es zum Trocknen auf die Brückenmauer. Ein Wind nahm es mit und es fiel genau in den lächerlich schmalen Fluss und natürlich genau dahin, wo die Strömung stark genug war, es mitzunehmen. Es ist ja nicht so, dass zu beiden Seiten gut 30 Meter Erde gewesen wäre, wo das T- Shirt auch hätte landen können.
Der Besitzer rannte am Ufer entlang, um es abzufangen, aber das Ufer war unglücklicherweise so bewachsen, dass man nicht zum Wasser kam. Ich rannte am anderen Ufer zu einer Stelle, wo man runterklettern konnte, aber da kam das T- Shirt nie an…
 Entweder war es sehr schnell gewesen und schon weg oder es war irgendwo hängengeblieben. Wir suchten 20 Minuten und  gaben dann auf. Wir mussten noch über 2 Stunden laufen und meine Füße… ihr wisst schon.

Als wir Estella erreichten mussten Hogy und ich ein bisschen diskutieren. Mein Reiseführer beschrieb den Weg über die Brücke und Hogy wollte am Ufer entlang, da er meinte, sich an den Weg zur Herberge erinnern zu können. Er war ja erst vor ein paar Wochen hiergewesen, aber ich beharrte darauf, meinen Buch zu vertrauen. Wir beschlossen, meinen Weg zu gehen, da wir auch schon mitbekommen hatten, dass Hogy sich gern falsch erinnerte.
Als wir zur Herberge kamen, stellten wir fest, dass Hogy letztes mal in einer Anderen geschlafen hatte. Da diese hier auf Spendenbasis war, wollten wir gern hierbleiben.
Die Herberge war der Kracher. Bunt, voller Bilder, gemütlich, sauber und dem Hospitalero hat man seine Leidenschaft sofort angemerkt. Er ist den Weg selbst 11x gelaufen und arbeitet hier sehr gerne. Er schläft auch in der Herberge und bot uns direkt Kaffee, Tee und kalte Cola an- Was will man mehr?!
Da die Anderen fast alle in der "Hogy- Herberge" gelandet waren, weil sie dachten, diese sei geschlossen, bekam ich mein Privatbad, denn ich war die einzige Frau im Haus.
In der kleinen Küche gab es Alles.
1000 Gewürze (grob geschätzt), sogar Lorbeerblätter waren dabei. Der Kühlschrank war voll, im Schrank fanden sich kiloweise Nudeln und Reis und Frühstück würde es auch geben. Alles auf Spendenbasis. Der lustige Hospitalero weiß, wie man einen Pilger glücklich macht. Mit Sicherheit auch deswegen, weil er selbst einer ist.
Mit Hogy und René lief ich ein bisschen durch den Ort. Viele Ortschaften, die wir durchlaufen, sind alt, hübsch und eine Besichtigung wert. Im Supermarkt kauften wir ein bisschen ein und René kochte in der schmalen Küche, in der ich aus Platzgründen nicht helfen konnte. Es gab Reis mit Karotten, Zwiebeln und Zucchini. Und mit Gewürzen!
Steintürmchen
Duck plante den ganzen Abend seinen Camino. Er hatte sich leider verkalkuliert. Er hatte sich von seinem Vater, der den Weg schon gelaufen ist, sagen lassen, dass 31 Tage genügen würden. Er hatte Karten mit den passenden Tagesetappen , teilweise mit bis zu 38 Km langen Strecken. Da er einen Flug nach Madrid für den 17.3. gebucht hat und unbedingt noch ans Meer will, hat er ein echtes Zeitproblem. Auch ohne das Meer sind 31 Tage recht knapp bemessen, weil man nie weiß, was passiert und ob eine Verletzung einen nicht ausbremst. Er hat einfach vergessen, Zeitpuffer einzuplanen.
Er wird einige Etappen mit dem Bus überspringen müssen und uns vermutlich übermorgen verlassen. Ich plane, 19 Km bis nach Viana zu laufen, um nach einem kurzen Folgetag von nur 10 Km Strecke in Ruhe Logroño ansehen und meinen Geburtstag feiern zu können (das geht in einer Stadt ja besser als auf dem Dorf).
Duck muss an dem Tag vermutlich 29 Km in die Stadt laufen und wird sie nicht großartig angucken können. Na ja. Erst mal abwarten, wie es kommt. Die Anderen wissen  auch noch nicht, wie sie laufen werden und ich habe auch keine Lust, an meinem Geburtstag allein zu sein.
Aber wahrscheinlich wird Duck da nicht mehr da sein, was ich sehr bedaure. Ich mag es nicht, wenn gute Pilgerfreunde gehen müssen.
Heute hat er mir den Teleskopstock, den ich seit dem ersten Tag nutze, offiziell geschenkt, als ich meinte, dass ich mich dann morgen mal um einen Stock kümmern werde. Aber er kommt mit einem Stock gut zurecht, braucht den Anderen nicht und das sei dann sein Geburtstagsgeschenk an mich.

Wir verbrachten einen schönen Abend in der süßen Herberge. Der Hospitalero hatte seine Familie oder Freunde zu Gast und es ist spannend, die Spanier zu erleben. Auch wenn ich kein Wort von dem verstehe, was sie reden.

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