Samstag, 30. August 2014

Tag 90: St.Jean-Pied-de-Port - Roncesvalles

Wir haben den wahrscheinlich schönsten Tag unserer Reise hinter uns und bestimmt gehört er auch zu den schönsten Tagen in unseren Leben.

Heute morgen sind die ersten Pilger schon sehr früh aufgestanden und raschelten mit ihren Plastiktüten. Frühstück sollte es ab 6.00 Uhr geben, aber die Ersten saßen schon viel früher am Tisch.
Die freiwilligen Helfer, die diese Herberge unterstützen, räumten den Frühstückstisch dann bereits 15 Minuten zu früh ab, weil wir mit zwei Amerikanerinnen die Letzten am Tisch waren. Vermutlich wollten sie die Zeit wieder herausholen, die ihnen die zu-Frühaufsteher weggenommen hatten.

Wir brachen ("erst") gegen 8 Uhr auf und kauften frisches Baguette. Wir genossen die Ruhe des Morgens, denn gestern waren so viele Touristen unterwegs,  dass man die Rue de la Citadelle, die Hauptstraße der Altstadt, nicht richtig ansehen konnte. 
Das Wetter ließ sich nicht gut einschätzen. Es war bewölkt, aber ob es sich halten, aufbrechen oder gar regnen würde war nicht zu erkennen und auch der Wetterbericht war nicht eindeutig.

Gleich zu Beginn der Etappe ging es recht steil bergauf und wir waren erleichtert, als wir nach 10 Minuten einen Mann mit rotem Gesicht schnaufend am Straßenrand sitzen sahen: Wir waren nicht die Ersten, die eine Pause brauchten.
Natürlich hatten wir nicht damit gerechnet, dass uns der Weg mehr anstrengen würde als die Neueinsteiger, aber wir waren dann doch überrascht, wie leicht uns der Aufstieg nach Huntto fiel und wie viele Pilger wir leichten Fußes überholten.
Manchmal tat es mir etwas leid, wenn wir an Pilgern vorbeispazierten, die richtig kämpften, denn sie konnten ja nicht wissen, dass heute nicht unser erster Tag ist.

Der Abschnitt bis nach Huntto war schon total hübsch, wir staunten dauernd über die Natur, die Aussicht und die Berge. Wir blieben immer wieder stehen, um Fotos zu schießen und ich knipste heute viel mehr als sonst, weil es so viel Schönes gab!
In Huntto machten wir eine kurze Pause und wollten dann eigentlich direkt weiter, um im nächsten Örtchen (eher eine Häusergruppe) eine richtige Frühstückspause zu machen.  Aber dann war da ein so niedlicher Hund, der uns herzerweichend zum Stöckchenspielen aufforderte, sodass wir noch ein bisschen blieben.

Der Weg führte in Serpentinen über einen kleinen Pfad und über uns sahen wir lauter Pilger. Ein junger Mann JOGGTE diesen steilen Anstieg in beachtlichem Tempo hoch! Er war natürlich kein Pilger, aber wir waren dennoch alle sehr beeindruckt.  Seine Beine bestanden nur aus Muskeln.Auf den 2km zwischen den beiden (einzigen) Herbergen vor Roncesvalles überholten wir zahllose Pilger, unter Anderem eine Amerikanerin, die mit winzigem Rucksäckchen lief und sich lauthals darüber beklagte, dass sie nicht erwartet hätte, dass der Weg SO hart werden würde. Vermutlich hat sie nur den Film "The way" gesehen und sich nicht großartig weiter eingelesen und ich finde ja, im Film sieht das alles wie ein netter Spaziergang aus. Die schwitzen oder schnaufen ja auch nie so wie man es im echten Leben tut.
Wir passierten einige Felsen am Wegesrand und beschlossen, unsere Frühstückspause hier zu machen.  Die Aussicht war prächtig und es ist schöner, in der Natur zu sitzen.

In Orisson war der Andrang auf die Sitzgelegenheiten so groß, dass kaum ein Platz mehr frei war. Überall standen und saßen Pilger und wir zogen nach dem Wasserauffüllen weiter, froh, unsere Pause vorher gemacht zu haben.
Die Aussicht von hier oben ist jedoch wunderschön und allein dafür lohnt es sich eigentlich schon, die Etappe zwischen St.Jean und Roncesvalles zu teilen. Der Sonnenuntergang ist hier bestimmt ein Traum.

Als wir weiterliefen, kamen wir an freilaufenden Kühen vorbei, die sich nicht für uns interessierten. Die kennen es ja, dass hier täglich lauter Pilger vorbeiziehen.

Es dauerte nicht lange und wir waren im Himmel. Also eigentlich nicht richtig im Himmel, aber in den Wolken und das fühlt sich an, als sei man richtig hoch.
Wir entdeckten in einiger Entfernung die ersten Pferde, die hier oben herumstreunen.
Der Wolkennebel wurde immer dichter und irgendwann hatten wir so gut wie gar keine Sicht mehr (für den Leser ist das gut, sonst hätte ich sicher viel mehr zu erzählen).

Der Weg führte viele Kilometer über eine betonierte Straße und es fuhren auch einige Autos an uns vorbei. Die Sicht war die meiste Zeit auf etwa 40-50 Meter begrenzt und immer wieder sahen wir Pilger vor uns aus dem Nebel auftauchen. Wir überholten viele von ihnen, aber so voll wie befürchtet war der Weg nicht. Wir sind ja recht spät aufgebrochen und die meisten haben sich in aller Herrgottsfrühe auf den Weg gemacht,  )um diese Etappe zu meistern.
Es sah immer sehr geheimnisvoll und wie verzaubert aus, wenn die Pilger im Nebel auftauchten oder von ihm verschluckt wurden.
Einerseits war es schade um die Aussicht, die wir verpassten,  andererseits war es total schön, im Nebel zu laufen. Schwitzen mussten wir wenigstens nicht und wir hofften darauf, irgendwann über den Wolken zu sein und eine hübsche Sicht von oben zu bekommen.

Wir erreichten einen Parkplatz mit einigen Autos.  Das wies darauf hin,  dass hier bei gutem Wetter etwas zu sehen sein muss. Wir konnten nur eine kleine Mauer in etwa 50 Metern Entfernung ausmachen (nicht besonders sehenswert).
Auch von der Marienstatue konnten wir nichts erkennen, wollten sie im Nebel aber auch nicht suchen gehen und zogen somit weiter.
Immer wieder hörten wir Glocken klingen und manchmal konnten wir ein paar Schafe sehen, die in unserer Nähe herumliefen. Einmal lichtete sich der Nebel kurz und ich sah, dass es eine riesige Herde war.

Während einer Pause auf ein paar Felsen mit Blick auf weiße Nebelwände hatten wir plötzlich für wenige Minuten eine fast klare Sicht. Dieser Moment war unglaublich faszinierend, weil wir ja keine Ahnung hatten,  wie es um uns herum aussah. Wir erblickten ein kleines Tal,  auf der gegenüberliegenden Seite eine Straße und ein paar Häuschen.  Am Ende der Sicht konnte man das Tal in weiter Ferne sehen und wir bekamen eine Ahnung davon,  wie hoch wir inzwischen waren. 
Viel zu schnell zog die nächste Wolke heran und hüllte uns wieder in ihre Watte ein- Unsere eigene kleine Welt, in der wir nicht mehr von der prächtigen Schöpfung abgelenkt wurden.

An einem Autokiosk und einem Kreuz vorbei stiegen wir weiter bergauf. Es ging durchgehend bergauf, aber selten besonders steil, so dass uns das wirklich nicht anstrengte. Ohne 3 Monate warmlaufen ist das aber sicher dennoch kein Spaziergang.Zwischendurch konnten wir die Sonne am Himmel sehen, auch wenn sie nur durch Wolken hindurchschien. Ein echter Lichtblick und wir waren frohen Mutes, dass sich das Wetter bessern würde.
Gleich darauf sollten wir sehen,  dass wir uns nicht getäuscht hatten.

Wir stiegen einen Pfad hoch und sahen rechts von uns eine Schafherde. Schaf für Schaf materialierte sich aus dem Nebel und wuchs zu einer ganzen Herde heran. Plötzlich riss der Nebel auf und gab die Sicht nach vorn frei.  Zwei Bergspitzen und Pferde tauchten auf und dies war ein magischer Moment,  den ich gar nicht mit Worten einfangen kann. Nach Stunden im geheimnisvollen Nebel hat man keine Vorstellung davon,  wo man ist und wie die Umgebung aussieht und auf einmal darf man einen kurzen Blick darauf werfen.

Eine Pferdemama stand mit ihrem Fohlen an unserem Weg und ich setzte mich auf einen Stein in der Nähe. Dies war ein Augenblick, den ich genießen wollte. Die Tiere waren nicht scheu und grasten friedlich nur einen Meter von den Pilgern entfernt.

Als wir unseren Weg fortsetzten, wanderten wir zwischen zwei Felsen hindurch und sahen blauen Himmel! Kurz vorher hatten wir schon ein paar blaue Flecken gesehen,  aber der Himmel auf dieser Seite des Berges war ernstzunehmend blau. Unter uns erstreckte sich ein Tal und wir befanden über den meisten Wolken. Wir waren so glücklich und sprachen uns immer wieder zu, was für ein Glück wir mit dem Wetter hatten.
Das wandern im Nebel hatte seine Faszination und ich würde das auch nicht tauschen, aber wir waren beide froh, dass es nicht dauerhaft dabei blieb, denn spätestens am Pass wollten wir sehen, was wir geleistet hatten.

Beschwingt zogen wir in Richtung Rolandsbrunnen und rechts von uns lag ein Wald am Hang,  durch den kleine Wolken zogen und ihn aussehen lassen wie verzaubert. Hier hätte man problemlos Szenen für den Herrn der Ringe oder ähnliches drehen können. 

Das Wasser der Rolandsquelle war frisch und lecker und wir legten eine kleine Pause ein. Gleich würden wir die Grenze zu Spanien überschreiten, aber im Grunde bleiben wir ja erst noch im Baskenland. Dennoch: Wir haben offiziell Spanien erreicht! Nach 2 langen Monaten in Frankreich, wahnsinn!

Der weitere Weg führte uns durch zauberhafte Natur. Ich hätte alle 20 Meter ein Foto schießen können und vielleicht habe ich es auch manchmal getan. Es war aber auch zu schön!

Wir sahen nummerierte lange Holzpfeiler in dichten Abständen am Wegesrand. Diese sollen Pilger, die von schlechtem Wetter überrascht werden den Weg weisen, denn bei Schnee sieht man ja keine gemalten Pfeile. Immer wieder sterben hier Pilger im Winter, die nicht auf die Warnungen des Pilgerbüros hören und die Route Napoléon laufen wollen. 

An einer Schutzhütte mit Kamin, Holz und Notfalltelefon vorbei stiegen wir immer höher und kamen so zum Pass auf 1.420 Metern Höhe. St.Jean-Pied-de-Port liegt übrigens auf 163 Metern.

Die Aussicht war beeindruckend und wir waren ebenso beeindruckt, wie fit wir noch waren. Hier erfahren wir selbst, wie viel Kondition wir in den letzten Monaten bekommen haben.
Wir gönnten uns eine lange Pause und blickten ins Tal. Die meisten Pilger zog es nach ein paar Bildern und einer kurzen Verschnaufpause weiter nach Roncesvalles, dabei war es gerade einmal 14.30 Uhr.

Wir konnten von oben die Weggabelung sehen, an der sich die Pilger entscheiden mussten, ob sie den direkten und steilen Weg nach Roncesvalles gehen wollen oder ob sie einen weniger steilen und dafür etwas längeren Abstieg wählen. Unser Führer empfiehlt die einfache Variante, aber da fast alle Pilger den steilen Weg wählten uns uns die steilen Abstiege oft Spaß machten,  wählten wir diesen dann auch.
Es ging mit 25% Gefälle ganz schön zur Sache und Johannes,  der in Sandalen lief, bereute seinen Entschluss dann doch etwas. Aber wir kamen gut herunter, aberhinter uns stürzte eine Pilgerin, die sich glücklicherweise nicht verletzte.

Es ging gut 450 Höhenmeter herunter, verteilt auf 4 km.
Dieser Abstieg erfordert Konzentration, da die Knie nicht überlastet werden sollten und kein Stein übersehen werden darf. Im Endeffekt war der Weg nach unten dann aber halb so wild (nur das erste Stück ist übel,  danach geht es durch hübschen Wald angenehm bergab).

In Roncesvalles angekommen bekam ich einen ersten Eindruck,  wie unterschiedlich hier im Winter und Sommer gearbeitet wird. Bei meinem ersten Besuch im Februar 2012 war ein kleines Büro in einem anderen Gebäude geöffnet und nun wurden wir in einem riesigen Betrieb empfangen. Es gab eigene Räume nur für die Schuhe, mehrere Automaten mit Snacks, Fertiggerichten und Getränken und eine sehr große Küche.
Unser Schlafsaal war unerwartet luxuriös: Zwar mussten wir in den dritten Stock laufen, hatten dafür aber die gemütlichen Dachschrägen. Viele Einzelbetten standen in Zweierkabinen mit je eigenem Spind (bei mir lag sogar schon ein Euro bereit) und mit Steckdosen. Wlan gab es zudem frei Haus ins Bett. So ein Luxus!
Auch die Sanitäranlagen waren gut und ich musste nicht einmal warten, um zu duschen (einer der Vorteile, wenn man relativ spät ankommt).

Im Keller gab es zahlreiche Waschmaschinen und Waschbecken und unsere von Hand gewaschene Wäsche wurde sogar in einer kleinen Wäscheschleuder durchgeschüttelt und würde so viel schneller trocknen.
Auf dem Gelände gab es plötzlich Läden und offene Türen, damals war hier alles einsam und verlassen.

Als wir die Pilgermesse besuchten,  staunte ich nicht schlecht: letztes mal hatten 3 Brüder die Messe heruntergerattert und waren dann schnell wieder verschwunden. ,icht so heute. Eine ganze Gruppe Brüder wohnte der Messe bei, Texte wurden in mehreren Sprachen verlesen und es gab sogar Orgelmusik!
Und es wurde (wahrscheinlich wegen mir und der Aktion von damals oder weil sie mich erkannt hatten) angekündigt, dass nur Katholiken an der Kommunion teilnehmen dürfen.

Nach der Messe wurde der Pilgersegen in mehreren Sprachen gesprochen und danach konnten wir den Kreuzgang besichtigen, für den wir tagsüber 3€ Eintritt hätten zahlen müssen und konnten auch noch andere Bereiche der Kirche besuchen.

Als wir abends im Bett lagen und das Licht um 22 Uhr auschalzet wurde, gab ein Schnarcher sich alle Mühe,  den Schlafsaal wachzuhalten.
Er schnarchte so laut und kreativ, dass man nach 10 Minuten einige Pilger kichern hörte. Andere meckerten und hier und da imitierte jemand das Geschnarche. Nach 20 Minuten stieg ein zweiter Schnarcher ein und es gab ein Duett. Ich steckte mir meine Ohrenstöpsel in die Ohren und drehte mich zufrieden auf die Seite, um zu schlafen. Da spürte ich, dass der zweite Schnarcher neben mir lag und ich die Vibration des Schnarchens spüren konnte. Im Prinzip schlafen wir nämlich alle in Doppelbetten, aber in der Besucherritze ist eine große Trennwand,  sodass man dann doch allein liegt.

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