Mittwoch, 8. Juli 2015

Tag 14-15: Fisterra – Santiago und eine lange Rückreise


Heute Morgen bin ich allein zu den Felsen am Hippiebeach geklettert, da meine Freunde ausschlafen bzw. nach Santiago fahren wollten. Dem Pilger bietet sich dort eine prächtige Sicht auf schroffe Felsen und  man kann fast sicher sein, allein zu sein, da sich nicht viele Menschen hierher verirren dürften. Ich genoss die Stille und die Geräusche der Wellen, die auf die Klippen schlagen.
Später habe ich den Berg bestiegen, der zwischen Hippiebeach und Leuchtturm liegt. Der Weg bis nach oben ist nicht unbeschwerlich (zumindest nicht, wenn man wie ich den falschen Weg nimmt und fast senkrecht bergauf klettern muss), aber der Ausblick dort oben entbehrt für jeden ausgeschwitzten Tropfen. Dort oben kann man auf große Steine klettern und eine herrliche Aussicht genießen. Dort oben würde ich sofort eine Herberge eröffnen.



  
Am Nachmittag fuhren wir zurück nach Santiago. Am Bus trafen wir Peter, den wir in der letzten Woche kennengelernt haben und der eigentlich heute Morgen schon nach Santiago gefahren ist. Dort angekommen hat er allerdings feststellen müssen, dass er seinen Pilgerstab in der Herberge in Fisterra vergessen hatte und nach 3 Monaten Pilgerschaft wollte er natürlich nicht ohne dieses Andenken nach Hause fliegen. Gemeinsam fuhren wir nach Santiago, wo wir am Bahnhof auf Micha trafen, der geduldig auf seinen Zug wartete, der ihn aus der Stadt bringen sollte. Joni und ich liefen zur Herberge, in der wir übernachten wollten und richteten uns ein. Eine Freundin hatte uns Betten reserviert und wartete schon auf uns. Später trafen wir bei der Stadtbesichtigung auf meinen lieben Pilgerfreund Glowi und seinen Begleiter. Wir verabredeten uns für den Abend, bummelten durch die Stadt und aßen etwas.

Der Abend mit Glowi wurde sehr lang und lustig, wir tranken viel Alkohol, setzten uns noch später mit einer Flasche Wein (die Glowi mit viel Aufwand aufgetrieben hat, weil wir Mädchen was süßes wollten) zur Kathedrale und hatten viel Spaß zusammen. Da er am nächsten Tag früh rausmusste verabschiedeten wir uns nach Mitternacht und wollten eigentlich zur Herberge gehen. Als wir eine Pipipause einlegen mussten entdeckten wir eine Bar, in der wir uns noch Bier und Tequila genehmigten und mit den Bewohnern der Pilgerstadt ins Gespräch kamen. So wurde es dann doch sehr spät, als wir ins Bett fielen und wurden am Morgen ziemlich unsanft von der Hospitalera geweckt, da wir unsere Betten für die nächsten Pilger räumen mussten.
Glücklicherweise durften wir unsere Rucksäcke in der Herberge lassen und uns auch noch im Vorraum mit Tischen und Sofas aufhalten. Der Alkohol vom Abend schlug mir am Vormittag leider so auf den Magen, dass ich mein Frühstück kaum runterbekam und die ersten Stunden etwas ungemütlich waren. Wir gingen dennoch in die Stadt, da wir noch einiges besorgen wollten und liefen in jeden Touriladen. Nachdem wir noch etwas gegessen hatten fanden wir uns in der Herberge wieder und mussten wir immer noch ein paar Stunden Zeit totschlagen, bis wir zum Flughafen aufbrechen konnten.

Nun hatten wir die Idee, bei Instagram zu gucken, ob jemand, den wir kennen, sich dort mit dem Hashtag #santiagodecompostela oder #caminodesantiago verewigt hatte. Doch der erste Beitrag war von einer Dame, die im Primark im Ort shoppen war. Wir recherchierten schnell und entdeckten, dass der Laden nicht weit weg war und  liefen hin. Es war so heiß draußen, dass wir uns dort nicht mehr aufhalten wollten und bis zur Abfahrt zum Flughafen dauerte es noch. Egal, was man von Primark hält, zum Zeitvertreib ist es gut.
Als es endlich Zeit für die Abreise war wanderten wir zum Busbahnhof und fuhren zum Flughafen, wo wir, wie manch anderer Pilger, der nur mit Handgepäck flog, die Rucksäcke umpackten und ausmisteten, bis er problemlos in das Testfach passte.
Der Flug und die Fahrt mit dem Shuttlebus nach Frankfurt waren entspannt, aber als wir gegen Mitternacht Frankfurter Hauptbahnhof ankamen mussten wir noch über 4 Stunden überbrücken, bis unser ICE um 5 Uhr abfuhr. Wir hatten vorher schon überlegt, es bei der Bahnhofsmission zu versuchen und hatten Glück. Zuerst waren die beiden älteren diensthabenden Damen etwas mürrisch, aber sie ließen und hinein und wir legten unsere Schlafsäcke auf den Boden und versuchten auf dem kalten und harten Boden etwas Schlaf zu finden.
Durch die vielen Flüchtlinge, die gerade in Deutschland ankommen und haufenweise über Nacht wieder weggeschickt werden herrschte reger Betrieb in der Bahnhofsmission und wir hörten einige Geschichten von Menschen, die nachts mit einem Ticket zum Bahnhof geschickt werden und in eine fremde Stadt zu einem Amt fahren  müssen, teilweise zu Zeiten, die sie nicht einhalten können. Als wir gerade am Dösen waren klingelte es erneut an der Tür und ein Mann, der nur französisch sprach überforderte die Helferinnen. Zuerst war ich unschlüssig, ob ich mich melden sollte, zeigte ich somit ja, dass ich zugehört hatte. Andererseits standen sie keine 2 Meter von uns entfernt und sprachen so laut, dass wir ja gar nicht umhinkamen zu hören, was gesprochen wurde. Nachdem ich für den Mann alles übersetzt hatte waren diese richtig glücklich über unsere Anwesenheit und wie ausgewechselt.
Um 4.45 Uhr machten wir uns auf zu unserem Zug und sicherten uns in dem glücklicherweise fast leeren ICE ein „Harry Potter- Abteil“ (diese 6er- Kabinen mit Schiebetür). Dort zogen wir unsere Schuhe aus, packten die Schlafsäcke aus und legten uns hin, nachdem wir uns selbst über unseren Geruch geekelt haben. Immerhin waren wir seit über 20 Stunden auf den Beinen, haben den Tag zuvor geschwitzt und hatten fast dauerhaft die Schuhe an. Wir waren uns sicher, dass sich niemand zu uns gesellen würde, immerhin hatten wir ja auch jede 3 Sitze besetzt und die Rucksäcke lagen quer im Abteil.
Doch wir hatten uns getäuscht. Nach weniger als zwei Stunden Fahrt weckte mich ein Herr im Anzug, der darauf bestand, hier im Abteil Platz nehmen zu müssen. Ich gähnte, streckte mich, klärte ihn darüber auf, dass wir gerade vom Jakobsweg kommen und man dass wir uns aufgrund unseres Geruches ein kleines Abteil genommen haben. Er nahm tapfer am Ende meines Schlafsacks Platz, erklärte dass er hier einen Sitz reserviert hatte, bemerkte „einen leichten Fußgeruch nehme ich schon wahr“ und packte seine Pumpernickel mit Salat, eine Bio- Fruchtbuttermilch aus und versuchte gute Miene zum bösen Geruch zu machen. Es ist mir ein Rätsel, warum er sich in dem leeren Zug nicht einen anderen Platz gesucht hat.
Als der Fahrkartenkontrolleur kam und schnell das Weite suchen wollte, schob er die Abteiltür zu und unser Beifahrer im rosa Hemd hielt die Hand dazwischen, lächelte gequält und sagte „Lassen sie die Tür ruhig ein bisschen auf, wegen des Durchzugs…“ Tapferes Kerlchen. Zwei Stunden später bekam unser Kämpfer eine Mitstreiterin, da eine junge Frau die Tür öffnete und erklärte, hier ebenso einen Platz reserviert zu haben (an der Tür war nichts angezeigt, sonst hätten wir uns ein anderes Abteil gesucht). Diese Frau machte die gesamte Fahrt über ein Pokerface und ließ sich nicht anmerken, was sie von unserem Eau de Gestank hielt. Joni und ich amüsierten uns darüber und machten ein paar Witze, da wir durch unsere Mitfahrer ja nun auch nicht mehr schlafen konnten.

Als wir endlich in Hamburg ankamen trennten sich unsere Wege, wir fuhren nach Hause und fielen (natürlich nachdem wir unsere Haustiere begrüßt hatten) erst einmal ins Bett.



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