Dienstag, 17. März 2015

Tag 91: Roncesvalles - Larassoaña


Heute wurden wir um 6.30 Uhr geweckt, als das Licht angeschaltet wurde. Die ruhigen Zeiten scheinen vorbei zu sein, ab jetzt wird wohl früher aufgestanden. Viele Pilger waren schon auf dem Weg oder fast fertig mit packen. Unruhe lag in der Luft, da kaum ein Pilger routiniert ist und viele offenbar denken, sie müssten in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus stürmen, um rechtzeitig in Santiago anzukommen.
Ich habe entspannt meinen Rucksack gepackt und Johannes schlief weiter. So musste ich eine ganze Zeit lang am Ausgang auf ihn warten und sah, dass es regnete. Ich legte meine Schlechtwetterausrüstung bereit und beschloss, diesen Schauer abzuwarten. Als der Regen nachließ tauchte auch Johannes auf und wir konnten starten. Es war erst halb 8 und noch nicht einmal richtig hell. Dennoch gehörten wir zu den Letzten, die sich heute auf den Weg machten.

Die heutige Strecke war auch für mich neu, da ich durch den Schnee im Februar 2012 auf der Landstraße bis nach Zubiri laufen musste. Gleich hinter dem berühmten Schild "Santiago de Compostela 790 Km" ging es auf Pisten durch schmale Wälder und als wir in den ersten Ort durchquert hatten stellte sich mir ein spanischer Opa in den Weg. Ich weiß nicht, was er von mir wollte, aber er wollte unbedingt, dass ich ein Foto mit ihm zusammen schieße. Ich tat ihm den Gefallen und er küsste mich zum Abschied auf die Wange- Aber nur, weil ich meinen Mund schnell genug wegdrehen konnte, als ich seinen Plan durchschaute. Amüsiert liefen wir weiter und fragten uns, ob er das bei jeder Frau versucht. Ich kann es mir gut vorstellen, so routiniert wie er wirkte.
Wir wanderten lange über Hügel, Weiden und durch Wälder bis wir endlich nach Espinal kamen, um einzukaufen. Das Wetter blieb ziemlich ungemütlich und es fing erst wieder an zu regnen, als wir unsere Pause vor dem Dorfladen machen wollten.
Wir warfen unsere Ponchos über die Rucksäcke und gingen in den Laden. Die Auswahl war irgendwie unattraktiv und so beschlossen wir, dass wir unsere Reste vernichten werden. Ich kaufte nur etwas zu trinken und die Señora an der Kasse war heillos damit überfordert, zweimal 60 Cent zusammenzurechnen, trotz Taschenrechner. Mir fiel ein, dass ich erst vor Kurzem in einem anderen Blog (jakobsweginchucks.wordpress.com) gelesen hatte, dass eine Pilgerin hier vor wenigen Wochen Ähnliches erlebt hatte. Die Señora wirkte nicht so, als verrechne sie sich absichtlich und so war ich ihr dann auch nicht böse. Wir setzten uns auf die Treppe vor einen Pensionseingang und waren so wenigstens etwas vor dem Regen geschützt. Es liefen mehrere Katzen herum und zwei von ihnen pilgerten zwischen uns und einer spanischen Gruppe hin und her, in der Hoffnung, etwas Wurst abgreifen zu können.

Da Johannes noch etwas Pause brauchte, lief ich allein weiter und wunderte mich doch sehr, als ich nach einigen Kilometern ohne nennenswerten Anstieg auf der Passhöhe des Erro ankam. Ich habe noch sehr gut in Erinnerung, wie ich mich bei meiner ersten Reise den Berg hinaufgequält habe, als wir über die Landstraße kamen. Diese steilen Serpentinen hatten uns alle fertiggemacht. Der Weg durch den Wald hat hingegen hat sich sanft hinaufgeschlängelt. Ich setzte mich auf eine Mauer, genoss die Aussicht und die Erinnerungen an damals und unterhielt mich mit anderen Pilgern, bis Johannes kam. Es ist immer wieder amüsant, wenn man sich mit jemandem unterhält und erst nach einigen Minuten klärt, wo man herkommt. Nicht selten kann man dann in die Muttersprache wechseln.

Wiedervereint mit Johannes machten wir uns an den Abstieg durch den Wald nach Zubiri. Der Weg war kürzer und viel schöner als mein Horrortrip auf der Landstraße. Damals habe ich vor Schmerzen nicht einmal sprechen können und heute spaziere ich auf dem Weg. Aber damals hatte ich natürlich keine 90 Tage zum warmwerden.
In Zubiri setzten wir uns an den Rio Arga neben die "Puente de la Rabia", der mittelalterlichen "Tollwutbrücke". Da weder Johannes noch ich an Tollwut leiden (und auch keine Tiere sind) haben wir es uns gespart, dreimal unter der Brücke entlangzuspazieren. Wir haben dennoch eine Weile unsere Fesseln im flachen und kühlen Fluss gekühlt, bevor wir weiter nach Larassoaña gelaufen sind. Die Strecke zwischen den beiden Orten ist nicht besonders schon, da man lange eine riesige und ziemlich unansehnliche Magnesitfabrik vor Augen hat und die Arbeiter da die halbe Landschaft umbegraben haben.  Wir liefen eine Weile mit zwei deutschen Paaren, bis wir sie abhängten, weil sie nicht mehr so schnell laufen konnten. Glücklicherweise verliefen die letzten Kilometer wieder durch hübschere Natur und Larassoaña kam bald in Sicht.
Das Hauptgebäude der öffentlichen Herberge war voll und so durften wir in ein Ausweichhaus. Das war mir ganz recht, denn ich erinnere mich noch gut an den Schimmel und die mangelnde Sauberkeit in der Herberge. Das zweite Haus war nur wenige Meter vom Hauptgebäude entfernt und es standen etwa 20 Etagenbetten in einem Schlafsaal im ersten Stock. Ich fand ein Buch ("Ein seltsamer Ort zum Sterben"), dessen deutscher Besitzer offenbar entschieden hatte, dass er es nicht mehr weiter tragen möchte. Ich legte mich ins Bett und war sofort von der Geschichte gefesselt. Irgendwann konnte ich mich losreißen, um einkaufen und (im Haupthaus) kochen zu gehen. Wir kochten uns unspektakulär Nudeln mit Sauce, die aber gut geschmeckt haben. Die Runde am Tisch im Hof wuchs und wir kamen mit einem 14- jährigen Mädchen aus Spanien ins Gespräch, die mit ihrem Vater in St. Jean- Pied- de- Port gestartet ist und jetzt schon traurig ist dass sie nicht bis nach Santiago laufen können. Sie hat den zweiten Tag hinter sich und ist schon vom Pilgervirus infiziert. Vermutlich unheilbar. Während ihr Vater in der Küche das Essen versaute, unterhielten wir uns mit der Tochter und anderen Pilgern aus aller Welt. Ab und zu bat der Vater seine Tochter um Hilfe. Amüsiert beobachteten wir eine Unterhaltung zwischen einem Italiener, der einem Spanier auf italienisch die Bibel erklärte. Der Angesprochene antwortete auf spanisch. Ab und zu mussten sie überlegen, was das Gegenüber meinte, aber im großen und Ganzen haben sie sich so unterhalten können.
Der Abend war schön, ich genieße es sehr, dass so viele andere Pilger auf dem Weg sind und Johannes kann jetzt auch besser an Gesprächen teilnehmen, da wir uns jetzt meisten auf deutsch oder englisch unterhalten.



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