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Mittwoch, 8. Juli 2015

Tag 14-15: Fisterra – Santiago und eine lange Rückreise


Heute Morgen bin ich allein zu den Felsen am Hippiebeach geklettert, da meine Freunde ausschlafen bzw. nach Santiago fahren wollten. Dem Pilger bietet sich dort eine prächtige Sicht auf schroffe Felsen und  man kann fast sicher sein, allein zu sein, da sich nicht viele Menschen hierher verirren dürften. Ich genoss die Stille und die Geräusche der Wellen, die auf die Klippen schlagen.
Später habe ich den Berg bestiegen, der zwischen Hippiebeach und Leuchtturm liegt. Der Weg bis nach oben ist nicht unbeschwerlich (zumindest nicht, wenn man wie ich den falschen Weg nimmt und fast senkrecht bergauf klettern muss), aber der Ausblick dort oben entbehrt für jeden ausgeschwitzten Tropfen. Dort oben kann man auf große Steine klettern und eine herrliche Aussicht genießen. Dort oben würde ich sofort eine Herberge eröffnen.



  
Am Nachmittag fuhren wir zurück nach Santiago. Am Bus trafen wir Peter, den wir in der letzten Woche kennengelernt haben und der eigentlich heute Morgen schon nach Santiago gefahren ist. Dort angekommen hat er allerdings feststellen müssen, dass er seinen Pilgerstab in der Herberge in Fisterra vergessen hatte und nach 3 Monaten Pilgerschaft wollte er natürlich nicht ohne dieses Andenken nach Hause fliegen. Gemeinsam fuhren wir nach Santiago, wo wir am Bahnhof auf Micha trafen, der geduldig auf seinen Zug wartete, der ihn aus der Stadt bringen sollte. Joni und ich liefen zur Herberge, in der wir übernachten wollten und richteten uns ein. Eine Freundin hatte uns Betten reserviert und wartete schon auf uns. Später trafen wir bei der Stadtbesichtigung auf meinen lieben Pilgerfreund Glowi und seinen Begleiter. Wir verabredeten uns für den Abend, bummelten durch die Stadt und aßen etwas.

Der Abend mit Glowi wurde sehr lang und lustig, wir tranken viel Alkohol, setzten uns noch später mit einer Flasche Wein (die Glowi mit viel Aufwand aufgetrieben hat, weil wir Mädchen was süßes wollten) zur Kathedrale und hatten viel Spaß zusammen. Da er am nächsten Tag früh rausmusste verabschiedeten wir uns nach Mitternacht und wollten eigentlich zur Herberge gehen. Als wir eine Pipipause einlegen mussten entdeckten wir eine Bar, in der wir uns noch Bier und Tequila genehmigten und mit den Bewohnern der Pilgerstadt ins Gespräch kamen. So wurde es dann doch sehr spät, als wir ins Bett fielen und wurden am Morgen ziemlich unsanft von der Hospitalera geweckt, da wir unsere Betten für die nächsten Pilger räumen mussten.
Glücklicherweise durften wir unsere Rucksäcke in der Herberge lassen und uns auch noch im Vorraum mit Tischen und Sofas aufhalten. Der Alkohol vom Abend schlug mir am Vormittag leider so auf den Magen, dass ich mein Frühstück kaum runterbekam und die ersten Stunden etwas ungemütlich waren. Wir gingen dennoch in die Stadt, da wir noch einiges besorgen wollten und liefen in jeden Touriladen. Nachdem wir noch etwas gegessen hatten fanden wir uns in der Herberge wieder und mussten wir immer noch ein paar Stunden Zeit totschlagen, bis wir zum Flughafen aufbrechen konnten.

Nun hatten wir die Idee, bei Instagram zu gucken, ob jemand, den wir kennen, sich dort mit dem Hashtag #santiagodecompostela oder #caminodesantiago verewigt hatte. Doch der erste Beitrag war von einer Dame, die im Primark im Ort shoppen war. Wir recherchierten schnell und entdeckten, dass der Laden nicht weit weg war und  liefen hin. Es war so heiß draußen, dass wir uns dort nicht mehr aufhalten wollten und bis zur Abfahrt zum Flughafen dauerte es noch. Egal, was man von Primark hält, zum Zeitvertreib ist es gut.
Als es endlich Zeit für die Abreise war wanderten wir zum Busbahnhof und fuhren zum Flughafen, wo wir, wie manch anderer Pilger, der nur mit Handgepäck flog, die Rucksäcke umpackten und ausmisteten, bis er problemlos in das Testfach passte.
Der Flug und die Fahrt mit dem Shuttlebus nach Frankfurt waren entspannt, aber als wir gegen Mitternacht Frankfurter Hauptbahnhof ankamen mussten wir noch über 4 Stunden überbrücken, bis unser ICE um 5 Uhr abfuhr. Wir hatten vorher schon überlegt, es bei der Bahnhofsmission zu versuchen und hatten Glück. Zuerst waren die beiden älteren diensthabenden Damen etwas mürrisch, aber sie ließen und hinein und wir legten unsere Schlafsäcke auf den Boden und versuchten auf dem kalten und harten Boden etwas Schlaf zu finden.
Durch die vielen Flüchtlinge, die gerade in Deutschland ankommen und haufenweise über Nacht wieder weggeschickt werden herrschte reger Betrieb in der Bahnhofsmission und wir hörten einige Geschichten von Menschen, die nachts mit einem Ticket zum Bahnhof geschickt werden und in eine fremde Stadt zu einem Amt fahren  müssen, teilweise zu Zeiten, die sie nicht einhalten können. Als wir gerade am Dösen waren klingelte es erneut an der Tür und ein Mann, der nur französisch sprach überforderte die Helferinnen. Zuerst war ich unschlüssig, ob ich mich melden sollte, zeigte ich somit ja, dass ich zugehört hatte. Andererseits standen sie keine 2 Meter von uns entfernt und sprachen so laut, dass wir ja gar nicht umhinkamen zu hören, was gesprochen wurde. Nachdem ich für den Mann alles übersetzt hatte waren diese richtig glücklich über unsere Anwesenheit und wie ausgewechselt.
Um 4.45 Uhr machten wir uns auf zu unserem Zug und sicherten uns in dem glücklicherweise fast leeren ICE ein „Harry Potter- Abteil“ (diese 6er- Kabinen mit Schiebetür). Dort zogen wir unsere Schuhe aus, packten die Schlafsäcke aus und legten uns hin, nachdem wir uns selbst über unseren Geruch geekelt haben. Immerhin waren wir seit über 20 Stunden auf den Beinen, haben den Tag zuvor geschwitzt und hatten fast dauerhaft die Schuhe an. Wir waren uns sicher, dass sich niemand zu uns gesellen würde, immerhin hatten wir ja auch jede 3 Sitze besetzt und die Rucksäcke lagen quer im Abteil.
Doch wir hatten uns getäuscht. Nach weniger als zwei Stunden Fahrt weckte mich ein Herr im Anzug, der darauf bestand, hier im Abteil Platz nehmen zu müssen. Ich gähnte, streckte mich, klärte ihn darüber auf, dass wir gerade vom Jakobsweg kommen und man dass wir uns aufgrund unseres Geruches ein kleines Abteil genommen haben. Er nahm tapfer am Ende meines Schlafsacks Platz, erklärte dass er hier einen Sitz reserviert hatte, bemerkte „einen leichten Fußgeruch nehme ich schon wahr“ und packte seine Pumpernickel mit Salat, eine Bio- Fruchtbuttermilch aus und versuchte gute Miene zum bösen Geruch zu machen. Es ist mir ein Rätsel, warum er sich in dem leeren Zug nicht einen anderen Platz gesucht hat.
Als der Fahrkartenkontrolleur kam und schnell das Weite suchen wollte, schob er die Abteiltür zu und unser Beifahrer im rosa Hemd hielt die Hand dazwischen, lächelte gequält und sagte „Lassen sie die Tür ruhig ein bisschen auf, wegen des Durchzugs…“ Tapferes Kerlchen. Zwei Stunden später bekam unser Kämpfer eine Mitstreiterin, da eine junge Frau die Tür öffnete und erklärte, hier ebenso einen Platz reserviert zu haben (an der Tür war nichts angezeigt, sonst hätten wir uns ein anderes Abteil gesucht). Diese Frau machte die gesamte Fahrt über ein Pokerface und ließ sich nicht anmerken, was sie von unserem Eau de Gestank hielt. Joni und ich amüsierten uns darüber und machten ein paar Witze, da wir durch unsere Mitfahrer ja nun auch nicht mehr schlafen konnten.

Als wir endlich in Hamburg ankamen trennten sich unsere Wege, wir fuhren nach Hause und fielen (natürlich nachdem wir unsere Haustiere begrüßt hatten) erst einmal ins Bett.



Donnerstag, 2. Juli 2015

Tag 8: Salceda- Monte do Gozo

Heute morgen haben wir verschlafen. Um 8.15 Uhr wachte ich auf, blickte auf die Uhr, schreckte hoch und in dem Moment kam der Hospitalero rein und scheuchte uns auf.
Wir packten in Windeseile, alle noch etwas irritiert davon, nicht aufgewacht zu sein.
Als wir aufbrachen war das Wetter mäßig. Toll, in Deutschland ist die große Hitzewelle und wir laufen morgens im Pulli los.
Immerhin regnete es nicht und das Wetter besserte sich auch schnell.
Der Weg war angenehm leer und wir wanderten die ersten Kilometer gemütlich in Richtung Santiago.
Heute wollen wir bis zum Monte do Gozo laufen, damit wir abends zu den Pilgerfiguren gehen können.
Wir machten viele Pausen, blieben wo es uns gefiel und hatten den Weg fast für uns allein. Es ging viel bergauf, aber oft durch hübsche Wälder und Landschaften.
Wir streichelten eine ganz kleine Katze und hätten sie am Liebsten eingepackt.
Wir kamen am Nachmittag am Monte do Gozo an, machten es uns in der Bar gemütlich und aßen etwas, bevor wir uns im Miniladen der Bar noch etwas zu knabbern und zu trinken kauften und zur Herberge liefen.
In der Herberge bekamen wir ein eigenes Zimmer für uns und es kam auch im Laufe des Abends niemand mehr hinzu.
Nach einer kleinen Siesta und einer Dusche liefen wir zu den beiden Pilgerfiguren in der Nähe der Herberge. Dass die beiden hier stehen, wo man einen guten Blick auf Santiago und die Kathedrale hat, scheint sich immer noch nicht besonders herumgesprochen zu haben und so waren wir die gesamte Zeit allein.
Besonders froh bin ich, dass die große Gruppe Jugendlicher dort nicht aufgeschlagen ist!
Nach einem Abstecher in die Bar (Essen und Internet) kamen wir gegen 22.30 Uhr wieder in die Herberge und hatten das Gefühl auf einem besonders großen Kindergeburtstag gelandet zu sein. Unzählige Jugendliche rannten umher, machten einen Krach als hätten sie das Haus für sich und machten bis in die Nacht hinein einen unglaublichen Krach.
Weit nach Mitternacht klopften wir mahnend gegen die Wand. Zurück kam eine geklopfte Antwort mit Lachen. Irgendwann schob ein Mädchen unsere Zimmertür auf, schaltete das Licht an und wieder aus, ging weg und ließ die Tür offen stehen.
Micha ist daraufhin rübergegangen und hat die Gruppe auf deutsch ausgeschimpft. Die Teenies haben zwar keines seiner Worte verstanden, aber danach haben wir keinen Mucks mehr gehört.
Also dann endlich gute Nacht.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Tag 7: Ribadiso - Salceda

Meine Nacht war um kurz vor 5 zu Ende, da ich mit meiner Matratze vor der Tür lag und die Frühaufsteherpilger mich der Zugluft aussetzen, da niemand es nötig fand, die Tür hinter sich zu schließen.
Wir standen gemütlich um halb Acht auf und frühstückten mit der Hamburgerin und ihrem kleinen Sohn in der benachbarten Bar.
Gegen 11 wollte Michael eintreffen und so wollten wir gerade mit dem Warten anfangen, als die beiden Hamburger gegen halb 10 aufbrachen. Keine 5 Minuten später kam er schon um die Ecke.
Wir pausierten gemeinsam (Micha ruhte vom Laufen aus und wir vom ausruhen).
Da er heute in guter Form war beschlossen wir weiter als bis Arzua zu laufen. Salceda sollte es werden und das sollte sich als gute Idee herausstellen.
Arzua war laut Führer 3,5km entfernt, es fühlte sich für uns alle aber nach deutlich weniger an.
Ich spazierte auf einer Mauer in den Ort, wo wir wieder auf die Hamburger trafen und gemeinsam zu Mittag aßen.
Nachdem Micha beim dritten Versuch sein Lieblingswassermelonensorbeteis gefunden hatte konnten wir den Ort in Richtung Taberna Vella verlassen.
Wir verstanden uns super und marschierten durch hübsche Wälder zu Heidis Oase am Kilometerstein 32.
Unser Besuch zog sich herrlich in die Länge und nachdem wir uns viel unterhalten hatten und die Katzen gestreichelt waren zeigte die Uhr schon fast halb vier an.
Wir hatten noch 6 km bis Salceda vor uns und peilten deswegen erst einmal die nächste geöffnete Bar an. Micha trank eine Flasche vom Pilgerbier, um sie auf die Mauer stellen zu können,  auf der schon viele Flaschen aufgereiht waren.
Die letzten Kilometer verbrachten wir motiviert und plaudernd und ergatterten die drei letzten Betten in der privaten Herberge im Ort.
Der Hospitalero ist etwas speziell,  aber total lieb.
Er zeigte uns alles, schleppte unsere drei Rucksäcke die Treppe herauf, überrede eine Pilgerin das Zimmer zu wechseln damit Micha unten und bei uns schlafen konnte und zeigte uns die Duschen.
Massageduschen!
Er sagte uns,  dass wir mindestens 10 Minuten duschen müssen,  aber bei zwei Duschköpfen und sechs Massagebrausen war das keine Herausforderung.
Wir duschten ausgiebig und gingen dann in die Bar, um zu essen. Dort versammelten sich viele deutschsprachige Pilger und ein Franzose, der etwas deutsch konnte (den Rest konnte ich übersetzen).
Wir hatten eine lustige Runde, aßen die schlechtesten Hamburger die es gibt (hartes Baguette mit einem Stück Fleisch drauf) und tranken Wein.
Der Abend wurde lang, denn im Zimmer haben wir noch lange geklönt.
Es war ein herrlicher Tag und wir sind als 100km-Pilger gut aufgenommen worden.
Nur eine Pilgerin hat sich darüber ausgelassen, dass man kein richtiger Pilger ist wenn man in Sarria startet, weil einem dann die Pyrenäen und die Meseta fehlen und die bräuchte man schon...

Montag, 29. Juni 2015

Tag 5: Palas de Rei - Melide

Heute morgen war es nicht so neblig wie die letzten Tage.
Laut unserem Führer (dem gelben Outdoor) sollten wir bald für 1,3km durch einen Wald lustwandeln.
Wir wussten zwar nicht genau, wie man richtig lustwandelt, gaben uns aber Mühe, es zu tun.
Wir durchwanderten heute mehrere zauberhafte Örtchen. In einem machten wir unsere Frühstückspause und nachdem ein Bauer seine etwas gelangweilt wirkenden Kühe an uns vorbeigetrieben hatte ritten zwei Pilger hoch zu Ross durch das Dorf.

Es ging auf hübschen Pfaden weiter und im kleinen Ort Casanova machten wir an der Bar "die zwei Deutschen" Halt und tranken eine (leider) warme Cola. Deutsche waren auch nicht im Dienst.

Kurz vor Melide machten wir ein kleines Fotoshooting am großen Pilgerkreuz.
Unsere Begleiter Scrat und der aufblasbare Flamongo meiner Freundin positionierten sich professionell und das kleine Stativ ließ uns richtig professionell wirken.
Bestimmt sah es auch gut aus, wie ich im Gras lag und die Kamera einstellte. Das Stativ ist wirklich klein, höchstens 15cm hoch uns dementsprechend tief muss man sich beugen, um das Bild einzustellen.

Nach unserem Aufenthalt brannte die Sonne mit aller Kraft und wir kamen, obwohl die letzten Kilometer nicht anstrengend waren, noch richtig ins Schwitzen.
Vor dem Einchecken in der Herberge brauchten wir ein Kaltgetränk und sprangen dann unter die Dusche.
Wer Scheu vor Gruppenduschen oder Nacktheit vor Fremden hat sollte die galizischen öffentlichen Herbergen meiden. Gestern waren sie nicht einmal geschlechtergetrennt.

Wir gingen in den Ort und da wir keine Krake essen wollten konnten uns die zahlreichen Lokale der Pulpohochburg nicht für uns begeistern. Wir entschieden uns für ein Pilgermenü beim Italiener und waren nach dem riesigen Vorspeisensalat schon fast satt.
Die Pizza war umwerfend gut und statt eines Nachtisches bekamen wir ein zweites Getränk.
Wir verbrachten 3 Stunden vor dem Lokal, dann wir haben zwischen den Pizzahälften eine Stunde Pause gemacht. Und sie war hinterher immer noch warm!
Es war viel zu heiß um sich zu bewegen, deswegen hielten wir es im Schatten aus, surften im Netz und ich schrieb ein paar Postkarten.
Wir taten nicht viel und schwitzten trotzdem. Bei 37 Grad kein Wunder.

Nach dem Essen wollten wir in den Supermarkt,  da wir erst übermorgen auf den nächsten Laden treffen.
Wir haben nicht herausfinden können warum, aber alle Geschäfte waren geschlossen.
Zwar haben diverse Spanier uns hilfsbereit erklärt woran das liegt, aber verstehen konnten wir die Ausführungen nicht.

Wir setzten uns an den Brunnen mit eiskaltem Wasser, badeten Arme und Beine und genossen die Kälte.
Zurück in der Herberge fand ich mein Bett besetzt vor.
Da lag einfach ein anderer Pilger drin!
Meine Sachen waren alle auf den Boden geworfen worden, mein Schlafsack auch und er sagte, ihm sei dieses Bett zugewiesen worden und ich hätte bestimmt die Herberge nicht bezahlt.
Ich erklärte ihm, dass sich niemand an zugewiesene Bettnummern hält und mein Bett bei meiner Ankunft auch besetzt war, aber hatte keine Lust auf Diskussion.
Es waren noch unzählige Betten im Saal frei.
Ich wies auf seine Packung mit dem Bettbezug und auf das Bett, dass ich nun nehmen werde und sagte, er könne mir das dann ja beziehen.  Immerhin lag er auf dem Bett, das ich bezogen hatte.
Wäre er freundlicher gewesen hätte ich das selbst gemacht, aber so...

Wir verbrachten den Rest des Tages in verschiedenen Bars und auf der Suche nach geöffneten Geschäften. Wir fanden nur heraus, dass der früheste Laden um 9.30 Uhr öffnet und werden morgen also noch hier festhängen, denn bis Ribadiso gibt es keine Einkaufsgelegenheit mehr.

Im Pilgerforum las ich von einem Pilger, der bis vor Kurzem noch viele Kilometer vor uns lief. Ich fand unseren Abstand immer schade, denn ich hätte ihn gern getroffen. Nun ergaben die Umstände, dass er lediglich eine Tagesetappe hinter uns ist.
Kurze Überlegung, Planungen umwerfen, rechnen, kalkulieren, entscheiden: Wir werden übermorgen in Ribadiso am Fluss auf ihn warten. Zusammen werden wir ganze 3,5km zum nächsten Ort pilgern und das ist dann unsere Tagesetappe.
Wir sind ein bisschen aufgeregt, ob wir die Strecke schaffen. 3,5km sind ja nicht ganz ohne!
Aber wir haben Zeit, ich möchte ihn kennenlernen und der Fluss ist schön. Es gibt nichts was dagegen spricht. Denn wir sind nicht ehrgeizig und missen deswegen keine langen Etappen laufen. Damit würden wir ohnehin nicht angeben, also machen wir das.
Das wird großartig!

Sonntag, 28. Juni 2015

Tag 3 : Barbadelo - Portomarin

Die Luft im Zimmer war durch zwei angrenzende Bäder feucht und durch die Pilger stickig.
Ich hab kaum geschlafen und bin dementsprechend gerädert aufgestanden.
Wir waren erstaunlicherweise nicht die Letzten. 3 Frauen sind erst um 7.45 Uhr aufgestanden, die Frühaufsteher waren angenehm rücksichtsvoll und haben sich mit dem Rascheln von Plastiktüten zurückgehalten.

Der Morgen war sehr neblig und wir haben noch eine Weile auf der Terrasse gesessen und abgewartet ob es ein bisschen aufklart. Als klar war, dass das nicht der Fall ist sind wir um kurz vor halb 9 aufgebrochen.
Der Morgen war kühl, aber dennoch war die Temperatur beim Laufen für den Pulli zu warm und für das T-Shirt zu kalt.

Durch unseren späten Aufbruch hatten wir die vielen Normalstarter aus Sarria auf unsere Höhe. Viele Pilger ohne Gepäck oder mit Tagesrucksack, gackernde Grüppchen, aber alle wirkten recht vergnügt. Nach einer guten Stunde lichtete sich der Nebel und wir bekamen einen klaren Himmel und viel Sonne zu sehen.

Wir kamen hier und da mit einigen Pilgern ins Gespräch, machten eine Frühstückspause an einer fast schäbigen und lieblos geführten Bar und genossen große Baguettebrötchen, denn nach knapp 10km knurrte uns der Magen.

Wir kamen vorbei an einem jungen Schäferhund, den der Besitzer zu den Pilgern schickte damit er gestreichelt wurde, an einem Pferd, einem Strauss, einer Katze, noch mehr Hunden und einer kleinen Herde Kühe, die an uns vorbeigetrieben wurde.

Die Sonne brannte und uns war heiß. Wir gönnten uns ein Eis und die zweite eiskalte Cola und ich ließ meine Freundin das französische Pilgerlied vorlesen, dessen Text ich noch im Rucksack hatte.  Was sie nicht wusste war, dass am Nebentisch zwei Franzosen saßen, die ihre Freude an ihrem Vortrag hatten.

Wir machten viele Pausen, genossen den Tag und wenn wir allein waren sangen wir einen Teil unseres Liederrepertoires in die Einsamkeit (manchmal endete die Einsamkeit hinter einer Kurve, aber das hat uns nicht gestört. Hauptsache wir stören niemanden).

Um 15 Uhr kamen wir in Portomarin an, einem Ort, der für den Bau einer Talsperre auf den Hang gezogen ist. Die Bewohner wollten sich nicht von ihrer Kirche trennen und haben diese Stein für Stein mitgenommen und oben wieder aufgebaut. Die Talsperre habe ich bisher nie gefüllt gesehen. Heute stand das Wasser hoch und es sah herrlich aus.

Uns lief der Schweiß im Gesicht herunter und wir fühlten uns angenehm sportlich betätigt.
Mein Körper scheint noch an das Marschieren im letzten Jahr gewöhnt zu sein, den nicht hatte (abgesehen von meiner Erkältung) keine Probleme beim Laufen.
Wir kauften uns kalte Getränke und liefen zur Herberge.
Nach einer Dusche informierten wir unsere Freunde, dass wir gleich vor der Webcam posieren werden und ließen uns von ihnen aus Deutschland fotografieren.

Den Tag verbrachten wir mit Einkaufen, relaxxen und mit dem Hund eines Brasilianers, der uns total leid tat, weil er bei unserer Ankunft völlig geschlaucht im Schatten lag. Neben Erbrochenem und viel zu weichen Häufchen.
Im Laufe des Nachmittags kam er aber wieder zu Kräften und tollte durch die Gegend. Es gibt kaum einen Pilger, der diesen Hund nicht kennt und liebt.

Da in der Herberge um 22.30 Uhr alle Lichter ausgingen und wir nicht müde sind liege ich jetzt im Bett und schreibe. Ansonsten würde ich wohl nicht dazu kommen. Wir liegen hier und schwitzen uns kaputt. Das wird eine warme Nacht... Schlaft schön!

Donnerstag, 25. Juni 2015

Tagebuch eines 100km-Pilgers

Vorab: Die fehlenden Artikel der letzten Reise kommen noch. Ich habe derzeit leider keinen Zugang zu meinen Bildern und kann somit nicht weiterschreiben.

Nun bin ich wieder auf dem Weg nach Spanien. Im Gepäck habe ich neben Scrat meine Freundin, die etwas Pilgerluft schnuppern und erfahren möchte, was ich am Pilgern so reizvoll finde.

Wir haben uns bewusst auf die Strecke ab Sarria geeinigt und ich werde nach dem Frances vor 3 Jahren und der langen Reise im letzten Sommer nun
erfahren wie man sich fühlt wenn man zu den berüchtigten 100km-Pilgern gehört.

Läuft man eine sehr weite Strecke wird man (natürlich zu Unrecht) vor Bewunderung fast bekniet.
Wie wird man wohl als Kurzstreckenpilger beäugt?
Wirklich so kritisch wie man es oft im Internet liest?
Die erste negative Erfahrung habe ich bereits gemacht, als mir vor wenigen Tagen von meiner Lieblingsherberge abgesagt wurde. 300km müssen es schon sein, um im Bett der wunderschönen Herberge zu landen.

Letzte Woche habe ich unsere Pilgerausweise in der Jakobikirche in Hamburg geholt, wurde sehr freundlich empfangen und habe noch einen persönlichen Pilgersegen bekommen.

Wir reisen von Hamburg mit der Bahn nach Koblenz, steigen dort in den Shuttlebus zum Flughafen und fliegen am späten Nachmittag von Frankfurt-Hahn aus nach Santiago.
Schlafen werden wir wahrscheinlich auf dem Monte de Gozo und morgen mit dem Bus nach Sarria fahren und einen Ort weiter (in Barbadelo) schlafen. Soweit die Planung, die jederzeit umgeworfen werden darf.
Nach unserer Ankunft in Santiago werden wir noch einige Tage am Meer verbringen. Ob wir dorthin laufen werden oder nicht haben wir offengelassen.

Unsere Rucksäcke wiegen beide inklusive Essen und Trinken um die 7kg, ein angenehmes Gewicht.
Wir können ja auf warme Kleidung verzichten, morgen sollen es 35 Grad werden.

Wir wollen es ganz gemütlich angehen, laufen auch mal entspannte Tagesetappen und lassen uns einfach treiben.
Wir müssen ja niemandem etwas beweisen.
Aber eines sind wir auf jeden Fall: Gespannt, was die Reise bringt!

Zum Bild: Scrat hat seinen eigenen Ausweis bekommen und der Flamingo meiner Freundin auch ;)

Samstag, 30. August 2014

Tag 90: St.Jean-Pied-de-Port - Roncesvalles

Wir haben den wahrscheinlich schönsten Tag unserer Reise hinter uns und bestimmt gehört er auch zu den schönsten Tagen in unseren Leben.

Heute morgen sind die ersten Pilger schon sehr früh aufgestanden und raschelten mit ihren Plastiktüten. Frühstück sollte es ab 6.00 Uhr geben, aber die Ersten saßen schon viel früher am Tisch.
Die freiwilligen Helfer, die diese Herberge unterstützen, räumten den Frühstückstisch dann bereits 15 Minuten zu früh ab, weil wir mit zwei Amerikanerinnen die Letzten am Tisch waren. Vermutlich wollten sie die Zeit wieder herausholen, die ihnen die zu-Frühaufsteher weggenommen hatten.

Wir brachen ("erst") gegen 8 Uhr auf und kauften frisches Baguette. Wir genossen die Ruhe des Morgens, denn gestern waren so viele Touristen unterwegs,  dass man die Rue de la Citadelle, die Hauptstraße der Altstadt, nicht richtig ansehen konnte. 
Das Wetter ließ sich nicht gut einschätzen. Es war bewölkt, aber ob es sich halten, aufbrechen oder gar regnen würde war nicht zu erkennen und auch der Wetterbericht war nicht eindeutig.

Gleich zu Beginn der Etappe ging es recht steil bergauf und wir waren erleichtert, als wir nach 10 Minuten einen Mann mit rotem Gesicht schnaufend am Straßenrand sitzen sahen: Wir waren nicht die Ersten, die eine Pause brauchten.
Natürlich hatten wir nicht damit gerechnet, dass uns der Weg mehr anstrengen würde als die Neueinsteiger, aber wir waren dann doch überrascht, wie leicht uns der Aufstieg nach Huntto fiel und wie viele Pilger wir leichten Fußes überholten.
Manchmal tat es mir etwas leid, wenn wir an Pilgern vorbeispazierten, die richtig kämpften, denn sie konnten ja nicht wissen, dass heute nicht unser erster Tag ist.

Der Abschnitt bis nach Huntto war schon total hübsch, wir staunten dauernd über die Natur, die Aussicht und die Berge. Wir blieben immer wieder stehen, um Fotos zu schießen und ich knipste heute viel mehr als sonst, weil es so viel Schönes gab!
In Huntto machten wir eine kurze Pause und wollten dann eigentlich direkt weiter, um im nächsten Örtchen (eher eine Häusergruppe) eine richtige Frühstückspause zu machen.  Aber dann war da ein so niedlicher Hund, der uns herzerweichend zum Stöckchenspielen aufforderte, sodass wir noch ein bisschen blieben.

Der Weg führte in Serpentinen über einen kleinen Pfad und über uns sahen wir lauter Pilger. Ein junger Mann JOGGTE diesen steilen Anstieg in beachtlichem Tempo hoch! Er war natürlich kein Pilger, aber wir waren dennoch alle sehr beeindruckt.  Seine Beine bestanden nur aus Muskeln.Auf den 2km zwischen den beiden (einzigen) Herbergen vor Roncesvalles überholten wir zahllose Pilger, unter Anderem eine Amerikanerin, die mit winzigem Rucksäckchen lief und sich lauthals darüber beklagte, dass sie nicht erwartet hätte, dass der Weg SO hart werden würde. Vermutlich hat sie nur den Film "The way" gesehen und sich nicht großartig weiter eingelesen und ich finde ja, im Film sieht das alles wie ein netter Spaziergang aus. Die schwitzen oder schnaufen ja auch nie so wie man es im echten Leben tut.
Wir passierten einige Felsen am Wegesrand und beschlossen, unsere Frühstückspause hier zu machen.  Die Aussicht war prächtig und es ist schöner, in der Natur zu sitzen.

In Orisson war der Andrang auf die Sitzgelegenheiten so groß, dass kaum ein Platz mehr frei war. Überall standen und saßen Pilger und wir zogen nach dem Wasserauffüllen weiter, froh, unsere Pause vorher gemacht zu haben.
Die Aussicht von hier oben ist jedoch wunderschön und allein dafür lohnt es sich eigentlich schon, die Etappe zwischen St.Jean und Roncesvalles zu teilen. Der Sonnenuntergang ist hier bestimmt ein Traum.

Als wir weiterliefen, kamen wir an freilaufenden Kühen vorbei, die sich nicht für uns interessierten. Die kennen es ja, dass hier täglich lauter Pilger vorbeiziehen.

Es dauerte nicht lange und wir waren im Himmel. Also eigentlich nicht richtig im Himmel, aber in den Wolken und das fühlt sich an, als sei man richtig hoch.
Wir entdeckten in einiger Entfernung die ersten Pferde, die hier oben herumstreunen.
Der Wolkennebel wurde immer dichter und irgendwann hatten wir so gut wie gar keine Sicht mehr (für den Leser ist das gut, sonst hätte ich sicher viel mehr zu erzählen).

Der Weg führte viele Kilometer über eine betonierte Straße und es fuhren auch einige Autos an uns vorbei. Die Sicht war die meiste Zeit auf etwa 40-50 Meter begrenzt und immer wieder sahen wir Pilger vor uns aus dem Nebel auftauchen. Wir überholten viele von ihnen, aber so voll wie befürchtet war der Weg nicht. Wir sind ja recht spät aufgebrochen und die meisten haben sich in aller Herrgottsfrühe auf den Weg gemacht,  )um diese Etappe zu meistern.
Es sah immer sehr geheimnisvoll und wie verzaubert aus, wenn die Pilger im Nebel auftauchten oder von ihm verschluckt wurden.
Einerseits war es schade um die Aussicht, die wir verpassten,  andererseits war es total schön, im Nebel zu laufen. Schwitzen mussten wir wenigstens nicht und wir hofften darauf, irgendwann über den Wolken zu sein und eine hübsche Sicht von oben zu bekommen.

Wir erreichten einen Parkplatz mit einigen Autos.  Das wies darauf hin,  dass hier bei gutem Wetter etwas zu sehen sein muss. Wir konnten nur eine kleine Mauer in etwa 50 Metern Entfernung ausmachen (nicht besonders sehenswert).
Auch von der Marienstatue konnten wir nichts erkennen, wollten sie im Nebel aber auch nicht suchen gehen und zogen somit weiter.
Immer wieder hörten wir Glocken klingen und manchmal konnten wir ein paar Schafe sehen, die in unserer Nähe herumliefen. Einmal lichtete sich der Nebel kurz und ich sah, dass es eine riesige Herde war.

Während einer Pause auf ein paar Felsen mit Blick auf weiße Nebelwände hatten wir plötzlich für wenige Minuten eine fast klare Sicht. Dieser Moment war unglaublich faszinierend, weil wir ja keine Ahnung hatten,  wie es um uns herum aussah. Wir erblickten ein kleines Tal,  auf der gegenüberliegenden Seite eine Straße und ein paar Häuschen.  Am Ende der Sicht konnte man das Tal in weiter Ferne sehen und wir bekamen eine Ahnung davon,  wie hoch wir inzwischen waren. 
Viel zu schnell zog die nächste Wolke heran und hüllte uns wieder in ihre Watte ein- Unsere eigene kleine Welt, in der wir nicht mehr von der prächtigen Schöpfung abgelenkt wurden.

An einem Autokiosk und einem Kreuz vorbei stiegen wir weiter bergauf. Es ging durchgehend bergauf, aber selten besonders steil, so dass uns das wirklich nicht anstrengte. Ohne 3 Monate warmlaufen ist das aber sicher dennoch kein Spaziergang.Zwischendurch konnten wir die Sonne am Himmel sehen, auch wenn sie nur durch Wolken hindurchschien. Ein echter Lichtblick und wir waren frohen Mutes, dass sich das Wetter bessern würde.
Gleich darauf sollten wir sehen,  dass wir uns nicht getäuscht hatten.

Wir stiegen einen Pfad hoch und sahen rechts von uns eine Schafherde. Schaf für Schaf materialierte sich aus dem Nebel und wuchs zu einer ganzen Herde heran. Plötzlich riss der Nebel auf und gab die Sicht nach vorn frei.  Zwei Bergspitzen und Pferde tauchten auf und dies war ein magischer Moment,  den ich gar nicht mit Worten einfangen kann. Nach Stunden im geheimnisvollen Nebel hat man keine Vorstellung davon,  wo man ist und wie die Umgebung aussieht und auf einmal darf man einen kurzen Blick darauf werfen.

Eine Pferdemama stand mit ihrem Fohlen an unserem Weg und ich setzte mich auf einen Stein in der Nähe. Dies war ein Augenblick, den ich genießen wollte. Die Tiere waren nicht scheu und grasten friedlich nur einen Meter von den Pilgern entfernt.

Als wir unseren Weg fortsetzten, wanderten wir zwischen zwei Felsen hindurch und sahen blauen Himmel! Kurz vorher hatten wir schon ein paar blaue Flecken gesehen,  aber der Himmel auf dieser Seite des Berges war ernstzunehmend blau. Unter uns erstreckte sich ein Tal und wir befanden über den meisten Wolken. Wir waren so glücklich und sprachen uns immer wieder zu, was für ein Glück wir mit dem Wetter hatten.
Das wandern im Nebel hatte seine Faszination und ich würde das auch nicht tauschen, aber wir waren beide froh, dass es nicht dauerhaft dabei blieb, denn spätestens am Pass wollten wir sehen, was wir geleistet hatten.

Beschwingt zogen wir in Richtung Rolandsbrunnen und rechts von uns lag ein Wald am Hang,  durch den kleine Wolken zogen und ihn aussehen lassen wie verzaubert. Hier hätte man problemlos Szenen für den Herrn der Ringe oder ähnliches drehen können. 

Das Wasser der Rolandsquelle war frisch und lecker und wir legten eine kleine Pause ein. Gleich würden wir die Grenze zu Spanien überschreiten, aber im Grunde bleiben wir ja erst noch im Baskenland. Dennoch: Wir haben offiziell Spanien erreicht! Nach 2 langen Monaten in Frankreich, wahnsinn!

Der weitere Weg führte uns durch zauberhafte Natur. Ich hätte alle 20 Meter ein Foto schießen können und vielleicht habe ich es auch manchmal getan. Es war aber auch zu schön!

Wir sahen nummerierte lange Holzpfeiler in dichten Abständen am Wegesrand. Diese sollen Pilger, die von schlechtem Wetter überrascht werden den Weg weisen, denn bei Schnee sieht man ja keine gemalten Pfeile. Immer wieder sterben hier Pilger im Winter, die nicht auf die Warnungen des Pilgerbüros hören und die Route Napoléon laufen wollen. 

An einer Schutzhütte mit Kamin, Holz und Notfalltelefon vorbei stiegen wir immer höher und kamen so zum Pass auf 1.420 Metern Höhe. St.Jean-Pied-de-Port liegt übrigens auf 163 Metern.

Die Aussicht war beeindruckend und wir waren ebenso beeindruckt, wie fit wir noch waren. Hier erfahren wir selbst, wie viel Kondition wir in den letzten Monaten bekommen haben.
Wir gönnten uns eine lange Pause und blickten ins Tal. Die meisten Pilger zog es nach ein paar Bildern und einer kurzen Verschnaufpause weiter nach Roncesvalles, dabei war es gerade einmal 14.30 Uhr.

Wir konnten von oben die Weggabelung sehen, an der sich die Pilger entscheiden mussten, ob sie den direkten und steilen Weg nach Roncesvalles gehen wollen oder ob sie einen weniger steilen und dafür etwas längeren Abstieg wählen. Unser Führer empfiehlt die einfache Variante, aber da fast alle Pilger den steilen Weg wählten uns uns die steilen Abstiege oft Spaß machten,  wählten wir diesen dann auch.
Es ging mit 25% Gefälle ganz schön zur Sache und Johannes,  der in Sandalen lief, bereute seinen Entschluss dann doch etwas. Aber wir kamen gut herunter, aberhinter uns stürzte eine Pilgerin, die sich glücklicherweise nicht verletzte.

Es ging gut 450 Höhenmeter herunter, verteilt auf 4 km.
Dieser Abstieg erfordert Konzentration, da die Knie nicht überlastet werden sollten und kein Stein übersehen werden darf. Im Endeffekt war der Weg nach unten dann aber halb so wild (nur das erste Stück ist übel,  danach geht es durch hübschen Wald angenehm bergab).

In Roncesvalles angekommen bekam ich einen ersten Eindruck,  wie unterschiedlich hier im Winter und Sommer gearbeitet wird. Bei meinem ersten Besuch im Februar 2012 war ein kleines Büro in einem anderen Gebäude geöffnet und nun wurden wir in einem riesigen Betrieb empfangen. Es gab eigene Räume nur für die Schuhe, mehrere Automaten mit Snacks, Fertiggerichten und Getränken und eine sehr große Küche.
Unser Schlafsaal war unerwartet luxuriös: Zwar mussten wir in den dritten Stock laufen, hatten dafür aber die gemütlichen Dachschrägen. Viele Einzelbetten standen in Zweierkabinen mit je eigenem Spind (bei mir lag sogar schon ein Euro bereit) und mit Steckdosen. Wlan gab es zudem frei Haus ins Bett. So ein Luxus!
Auch die Sanitäranlagen waren gut und ich musste nicht einmal warten, um zu duschen (einer der Vorteile, wenn man relativ spät ankommt).

Im Keller gab es zahlreiche Waschmaschinen und Waschbecken und unsere von Hand gewaschene Wäsche wurde sogar in einer kleinen Wäscheschleuder durchgeschüttelt und würde so viel schneller trocknen.
Auf dem Gelände gab es plötzlich Läden und offene Türen, damals war hier alles einsam und verlassen.

Als wir die Pilgermesse besuchten,  staunte ich nicht schlecht: letztes mal hatten 3 Brüder die Messe heruntergerattert und waren dann schnell wieder verschwunden. ,icht so heute. Eine ganze Gruppe Brüder wohnte der Messe bei, Texte wurden in mehreren Sprachen verlesen und es gab sogar Orgelmusik!
Und es wurde (wahrscheinlich wegen mir und der Aktion von damals oder weil sie mich erkannt hatten) angekündigt, dass nur Katholiken an der Kommunion teilnehmen dürfen.

Nach der Messe wurde der Pilgersegen in mehreren Sprachen gesprochen und danach konnten wir den Kreuzgang besichtigen, für den wir tagsüber 3€ Eintritt hätten zahlen müssen und konnten auch noch andere Bereiche der Kirche besuchen.

Als wir abends im Bett lagen und das Licht um 22 Uhr auschalzet wurde, gab ein Schnarcher sich alle Mühe,  den Schlafsaal wachzuhalten.
Er schnarchte so laut und kreativ, dass man nach 10 Minuten einige Pilger kichern hörte. Andere meckerten und hier und da imitierte jemand das Geschnarche. Nach 20 Minuten stieg ein zweiter Schnarcher ein und es gab ein Duett. Ich steckte mir meine Ohrenstöpsel in die Ohren und drehte mich zufrieden auf die Seite, um zu schlafen. Da spürte ich, dass der zweite Schnarcher neben mir lag und ich die Vibration des Schnarchens spüren konnte. Im Prinzip schlafen wir nämlich alle in Doppelbetten, aber in der Besucherritze ist eine große Trennwand,  sodass man dann doch allein liegt.

Sonntag, 24. August 2014

Tag 89: Utxiat - St.Jean-Pied-de-Port

Donibane Garazi!

Das ist der baskische Name für St.Jean-Pied-de-Port und das bedeutet,  dass wir angekommen sind!
(Ging ganz schön schnell,  oder?!)

Heute morgen brachen wir in aller Herrgottsfrühe auf. Es war noch dunkel und das hatten wir ja eigentlich nicht mehr gewollt, aber wir waren gestern so früh im Bett,  dass wir wach genug waren und wir wollten gern früh am Ziel ankommen, um genug Zeit zum Schuhkauf zu haben. Wir hatten nur etwa 14km vor uns und hofften,  zwischen 11 und 12  Uhr anzukommen.

Wir packten unsere Habseligkeiten im Licht der Taschenlampen und verließen unser Refuge, um die letzten Kilometer nach St.Jean-Pied-de-Port zu laufen.

Wir mussten gleich zu Beginn eine Weide überqueren und die Schafe schauten uns verwundert an, weil es gerade erst dämmerte und jetzt schon Pilger durch ihr Wohnzimmer liefen.

Es hat auch seinen eigenen Reiz, in den Sonnenaufgang hineinzuwandern, aber das Aufstehen und Packen im dunklen liegt uns einfach nicht so.
Die Welt erwachte langsam und der Morgen war neblig und wolkenverhangen. Leider änderte sich das auch nicht mehr und wir hatten keine Sicht auf die Berge,  an deren Füßen wir entlanggelaufen sein müssten.

Wir liefen durch einige kleine Orte- das Baskenland kann sich wirklich sehen lassen- und kamen an mehreren hübschen Kirchen vorbei.

Diese letzten Kilometer vor St.Jean-Pied-de-Port zogen sich und gingen gleichzeitig total schnell vorbei. Wir waren beide auf unsere Weise gespannt und aufgeregt.
Johannes, weil für ihn alles neu ist und für mich, weil ich heute an den Ort kommen würde, an dem vor 2,5 Jahren mein Pilgerweg begann.

Ich freue mich seit Monaten auf diesen Tag.
Ich habe mich schon vor Beginn der Reise darauf gefreut,  nach fast 2000 Kilometern in St.Jean einzulaufen. Ich habe mich auf das alte Tor gefreut und auf die alte Madame Jeanine in der Herberge, auf die Kirche,  auf die Aussicht und auf die Erinnerungen an diesen Ort.

Dass ich das heute hier bin ist nicht selbstverständlich und zwischendurch hat mein Knie es es auch spannend gemacht und offen gelassen, ob ich überhaupt hier ankommen werde. Inzwischen geht es übrigens ganz gut.  Die Wunde vom Sturz ist fast verheilt und die Schmerzen im Knie sind kaum noch nennenswert.

Viele Gedanken und Erinnerungen gingen mir durch den Kopf, als wir auf den Ort zuliefen und als wir (endlich) in St.Jean-Pied-de-Port ankamen und durch das Tor schritten, durch das vor uns schon so viele Pilger vor uns gelaufen waren,  war das ein ganz besonderer Moment.

Wir meldeten uns im Pilgerbüro an, mussten ein bisschen hin- und herüberlegen und ein klein wenig mit den Mitarbeitern diskutieren, wie wir das mit unseren Pilgerausweisen machen. Seit vorgestern ist unser zweiter Ausweis voll, für die Mühle von gestern wollen wir uns selbst einen "Stempel" malen und heute käme dann der Stempel aus St.Jean dazu. Nun haben die uns in Le Puy aber ihren Stempel schon in den Ausweis reingedrückt und mit dem können wir uns auch nach einem Monat nicht anfreunden.
Der Stempel gehört da einfach nicht hin.

Wir hatten uns also mehrere Möglichkeiten überlegt, unser Problem zu lösen und erst waren die Mitarbeiter im Büro gegen den einen Vorschlag, dann ging die andere Idee nicht,  weil die Ausweise von ihnen anders aussehen als die aus le Puy und so weiter.
Im Endeffekt werden wir zwei kopierte Seiten des alten Ausweises in den neuen Ausweis kleben (damit überkleben wir den Le Puy- Stempel) und gewinnen eine Seite,  denn die werden wir vermutlich brauchen.
Nachdem geklärt war,  wohin der St.Jean-Stempel kommt,  bekamen wir einen Platz in der städtischen Herberge zugewiesen, durften aber erst über zwei Stunden später hinein. Die Mitarbeiterin war eine ganz liebe Madame,  die (nachdem sie unser Credentialproblem verstanden hatte) sich noch mit uns unterhielt und erzählte, dass sie und einige der Mitarbeiter heute ihren letzten Tag hatten und sie nach 2 Wochen auch ganz schön ausgepowert ist. In den letzten Tagen sind immer um die 300 Pilger im Büro registriert worden worden,  es verspricht also recht voll zu werden ab morgen.

Wir stellten unsere Rucksäcke im Büro ab und gingen erst einmal einkaufen. Wir mussten ein paar Vorräte besorgen, da es morgen und evtl. übermorgen nicht so viele Möglichkeiten zum Einkaufen gibt. Wir besorgten noch ein Dankeschön für die freiwilligen Mitarbeiter im Pilgerbüro und erkundeten die Schuhgeschäftelage.

Als die Herberge öffnete, gingen wir duschen und machten uns dann auf eine etwa zweistündige erfolglose Suche nach neuen Schuhen. Der Laden,  der schon seit zig Kilometern für sich wirbt hat im Prinzip nur Schuhe von Salomon und die haben mir nicht gepasst.  Ich habe breite Füße und diese Schuhe sind alle recht schmal, das konnte der Verkäufer nicht schönreden, auch wenn er es natürlich versucht hat. Aber wir kauften ihm immerhin den Outdoorreiseführer ab.

Der Sport- und Outdoorladen der Stadt hatte fast nur Schuhe von einer billigen Marke,  die weder einigermaßen passten noch besonders haltbar aussahen. Also mussten wir aufgeben,  denn weder Johannes noch ich konnten Schuhe finden, mit denen wir es versuchen wollten.

Wir besichtigten den Ort ausgiebig und liefen sogar in den Nachbarort, um festzustellen,  dass die Kirche geschlossen war.
Der Ort war unglaublich voll, es waren sehr viele Touristen unterwegs. Pilger sahen wir erst einmal weniger als gedacht.
Auf einer Bank am Fluss genossen wir die Sonne, bis Johannes von einer Wespe gestochen wurde. Einmal in die linke und dann in die rechte Hand,  beim Versuch sie zu verscheuchen. Das arme Tier saß danach völlig geschwächt auf einer Blume und wusste bestimmt nicht,  was gerade genau passiert war.

Am Nachmittag klarte der Himmel etwas auf, aber besonders viel konnte man von den Bergen, die wir morgen überqueren wollen, nicht sehen. Dennoch hatten wir von der Zitadelle des Ortes eine hübsche Aussicht und wunderten uns über den Touristenansturm.

Am Abend gingen wir essen.  Das hatten wir uns ja schon vor einiger Zeit vorgenommen.  Wir gingen in das Restaurant,  das uns von der Mitarbeiterin im Pilgerbüro empfohlen wurde und nachdem wir mehrere Male vor verschlossener Tür standen,  war es irgendwann endlich offen. Plötzlich war es total voll und so bekamen wir nur noch einen Platz auf der Terrasse mit Plastikstühlen und in Windeseile war die Terrasse voller Kunden. Ein junger Kellner hetzte zwischen den Tischen hin und her und ließ sich deutlich anmerken, dass er überfordert und gestresst war.
Das Essen war nicht besonders aufregend, erwähnens- und lobenswert ist lediglich das leckere Mousse au chocolat, davon hätten wir uns gern noch einige Portionen einpacken lassen.

Es ist unglaublich,  dass wir es bereits bis hierher geschafft haben!
Morgen werden wir offiziell Spanien erreichen (inoffiziell bleiben wir erst noch im Baskenland).

Es ist wirklich nicht mehr weit bis zum Ziel.