Mittwoch, 20. Februar 2013

20. Februar- Estella (ca. 22 Km)


Tag für Tag wird später aufgestanden. Ich wache meistens schon von allein gegen 7 Uhr auf, oder 15 Minuten später vom Wecker. Die Jungs schlafen immer länger. Bis auf Francois, der schon so gut wie fertig war, als ich mich gegen 7.20 Uhr anzog. Gegen 8 Uhr machte ich so viel Krach, dass die Schlafmützen sich erhoben und packten. Das war nötig, denn um 8.30 Uhr mussten wir aus der Herberge raus sein.
Tatsächlich stand auch sehr pünktlich (was eigentlich nicht so dem Wesen der Spanier entspricht) eine grummelig dreinblickende Raumpflegerin in der Tür und scheuchte uns mit ihren Blicken hinaus.

Frühstück gibt es in den Herbergen in der Regel nicht und wenn, dann meistens gegen hohen Aufpreis. So laufen wir immer erst ein paar Km und frühstücken, wenn wir einen Bäcker oder Laden finden. Überraschungen erlebe ich Fin Sachen Einkaufsmöglichkeiten nicht, mein Pilgerführer weiß um jeden Supermarkt und Tante Emmaladen. Ich bin tatsächlich so gut informiert, dass meine Freunde manchmal schon lachen müssen ("Hinter der Kurve kommt ein kleines Geschäft" oder so). Allan und Duck haben ihre eigenen Karten noch gar nicht ausgepackt, weil ich ohnehin mehr Informationen habe.
So wissen wir immer, wie viel Proviant wir mitnehmen müssen und wie viel Wasser wir brauchen (es sei denn, die Brunnen sind wieder kaputt). Außerdem gibt es viele Infos zur Route, Wegbeschreibungen, wenn die Ausschilderung schlecht ist und markante Punkte, an denen man genau festmachen kann, wie viele Km man noch laufen muss.

Meine Füße fühlen sich mittlerweile ganz gut an.
Gut, die Innenseite des linken Fußes schmerzt, ich muss täglich 2 Zehen am rechten Fuß zum Schutz vor Blasen tapen und brauche Compeed am Fußballen, aber sonst kann ich nicht klagen.
Heute hatten wir etwa 22 Km vor uns und es sollte wie immer durch hügeliges Land gehen, aber heute mal ohne einen richtigen Berg dazwischen.
Einen Hügel belächelte ich mild mit dem Gedanken an die hinter uns liegenden Riesen und entschuldigte mich unterwegs, als ich doch gut ins Schwitzen kam und etwas schnaufen musste.

Seit wir aus den Bergen raus sind, ist das Wetter sehr frühlingshaft und sonnig. Ich hätte die Jacke gern ausgezogen, aber das war mir zu gefährlich, bei dem Wetter erkältet man sich ja doch schnell. Immerhin sind es noch unter 10°C am Tag, auch wenn einem beim Laufen richtig warm wird. Wie kühl es ist, merke ich besonders in den Pausen, wo ich schnell friere. Ich bin froh um meine lange Unterhose.
Die Mütze und Handschuhe trage ich aber nur morgens. Ich bräuchte die da auch nicht unbedingt… Aber ich trage sie 800 Km, also werde ich sie auch benutzen! Aber nach spätestens 3 Km muss ich sie ausziehen, weil es zu warm ist.

Oben auf dem Hügel fanden wir eine Bank und machten Pause. Im Zaun, der die Pilger von der Straße trennte, die hier verlief, entdeckten wir aus Stöcken gebastelte Kreuze. Das scheint eine dieser Pilgertraditionen zu sein, wie das Stapeln von Steinchen auf Wegmarkierungen und das Steintürme am Wegesrand bauen.
Heute liefen wir viel durch Weinberge, derzeit sind die aber leer und nicht besonders hübsch anzuschauen. Die Landschaft verändert sich von Tag zu Tag. Aber wenn ich überlege, wie weit ich eigentlich laufe, ist das kein Wunder. Heute Abend werden es schon 122Km sein, die ich zu Fuß gelaufen bin. Es geht oft durch ruhige Natur und ich genieße das viele an- der- Luft- sein.

Als wir auf einer hübschen Brücke über einem kleinen Fluss Pause machten, zog einer der Jungs (ich möchte keine Namen nennen) sein T- Shirt aus und legte es zum Trocknen auf die Brückenmauer. Ein Wind nahm es mit und es fiel genau in den lächerlich schmalen Fluss und natürlich genau dahin, wo die Strömung stark genug war, es mitzunehmen. Es ist ja nicht so, dass zu beiden Seiten gut 30 Meter Erde gewesen wäre, wo das T- Shirt auch hätte landen können.
Der Besitzer rannte am Ufer entlang, um es abzufangen, aber das Ufer war unglücklicherweise so bewachsen, dass man nicht zum Wasser kam. Ich rannte am anderen Ufer zu einer Stelle, wo man runterklettern konnte, aber da kam das T- Shirt nie an…
 Entweder war es sehr schnell gewesen und schon weg oder es war irgendwo hängengeblieben. Wir suchten 20 Minuten und  gaben dann auf. Wir mussten noch über 2 Stunden laufen und meine Füße… ihr wisst schon.

Als wir Estella erreichten mussten Hogy und ich ein bisschen diskutieren. Mein Reiseführer beschrieb den Weg über die Brücke und Hogy wollte am Ufer entlang, da er meinte, sich an den Weg zur Herberge erinnern zu können. Er war ja erst vor ein paar Wochen hiergewesen, aber ich beharrte darauf, meinen Buch zu vertrauen. Wir beschlossen, meinen Weg zu gehen, da wir auch schon mitbekommen hatten, dass Hogy sich gern falsch erinnerte.
Als wir zur Herberge kamen, stellten wir fest, dass Hogy letztes mal in einer Anderen geschlafen hatte. Da diese hier auf Spendenbasis war, wollten wir gern hierbleiben.
Die Herberge war der Kracher. Bunt, voller Bilder, gemütlich, sauber und dem Hospitalero hat man seine Leidenschaft sofort angemerkt. Er ist den Weg selbst 11x gelaufen und arbeitet hier sehr gerne. Er schläft auch in der Herberge und bot uns direkt Kaffee, Tee und kalte Cola an- Was will man mehr?!
Da die Anderen fast alle in der "Hogy- Herberge" gelandet waren, weil sie dachten, diese sei geschlossen, bekam ich mein Privatbad, denn ich war die einzige Frau im Haus.
In der kleinen Küche gab es Alles.
1000 Gewürze (grob geschätzt), sogar Lorbeerblätter waren dabei. Der Kühlschrank war voll, im Schrank fanden sich kiloweise Nudeln und Reis und Frühstück würde es auch geben. Alles auf Spendenbasis. Der lustige Hospitalero weiß, wie man einen Pilger glücklich macht. Mit Sicherheit auch deswegen, weil er selbst einer ist.
Mit Hogy und René lief ich ein bisschen durch den Ort. Viele Ortschaften, die wir durchlaufen, sind alt, hübsch und eine Besichtigung wert. Im Supermarkt kauften wir ein bisschen ein und René kochte in der schmalen Küche, in der ich aus Platzgründen nicht helfen konnte. Es gab Reis mit Karotten, Zwiebeln und Zucchini. Und mit Gewürzen!
Steintürmchen
Duck plante den ganzen Abend seinen Camino. Er hatte sich leider verkalkuliert. Er hatte sich von seinem Vater, der den Weg schon gelaufen ist, sagen lassen, dass 31 Tage genügen würden. Er hatte Karten mit den passenden Tagesetappen , teilweise mit bis zu 38 Km langen Strecken. Da er einen Flug nach Madrid für den 17.3. gebucht hat und unbedingt noch ans Meer will, hat er ein echtes Zeitproblem. Auch ohne das Meer sind 31 Tage recht knapp bemessen, weil man nie weiß, was passiert und ob eine Verletzung einen nicht ausbremst. Er hat einfach vergessen, Zeitpuffer einzuplanen.
Er wird einige Etappen mit dem Bus überspringen müssen und uns vermutlich übermorgen verlassen. Ich plane, 19 Km bis nach Viana zu laufen, um nach einem kurzen Folgetag von nur 10 Km Strecke in Ruhe Logroño ansehen und meinen Geburtstag feiern zu können (das geht in einer Stadt ja besser als auf dem Dorf).
Duck muss an dem Tag vermutlich 29 Km in die Stadt laufen und wird sie nicht großartig angucken können. Na ja. Erst mal abwarten, wie es kommt. Die Anderen wissen  auch noch nicht, wie sie laufen werden und ich habe auch keine Lust, an meinem Geburtstag allein zu sein.
Aber wahrscheinlich wird Duck da nicht mehr da sein, was ich sehr bedaure. Ich mag es nicht, wenn gute Pilgerfreunde gehen müssen.
Heute hat er mir den Teleskopstock, den ich seit dem ersten Tag nutze, offiziell geschenkt, als ich meinte, dass ich mich dann morgen mal um einen Stock kümmern werde. Aber er kommt mit einem Stock gut zurecht, braucht den Anderen nicht und das sei dann sein Geburtstagsgeschenk an mich.

Wir verbrachten einen schönen Abend in der süßen Herberge. Der Hospitalero hatte seine Familie oder Freunde zu Gast und es ist spannend, die Spanier zu erleben. Auch wenn ich kein Wort von dem verstehe, was sie reden.

Dienstag, 19. Februar 2013

19. Februar- Puente da Reina (ca.25 Km)


Heute morgen kamen die Jungs, die gestern einiges an Bier getrunken hatten, schlecht aus dem Bett.
So blieb ich noch etwas liegen und fühlte in meinen Körper hinein (irgendwie kann ich das nicht ausdrücken, ohne dass es seltsam klingt). Die Füße fühlen sich recht gut an und die Hüftschmerzen sind fast völlig verschwunden.
Mit dem Compeedpflaster kann ich wieder ganz normal laufen und spüre die Blase nicht mal mehr, das habe ich gestern Abend auf der Tour getestet.
Nach dem Aufstehen lief ich ins Bad und in meinen Billigcrocs, die ich kurz vor Reisebeginn noch für 5€ im Baumarkt geholt hatte, fühlten sich die Füße ganz gut an.
Ich zog die Stiefel an und es war wie gestern: Der linke Fuß fühlte sich gut an, aber der Rechte, als sei die Einlage falsch herum drin oder der Schuh zu klein bzw. schief. Vermutlich hat mein Fuß diese Defizite und der Schuh ist unschuldig.

Allan hatte echte Probleme, in die Gänge zu kommen und wollte erst noch etwas essen. Duck, René und ich liefen also schon mal los. Besser gesagt, wir pilgerten los. In Pamplona sind Pilger ja an der Tagesordnung und so wusste jeder, warum am Morgen nach Karneval Gestalten mit Rucksäcken und Wanderstöcken durch die noch verschlafene Stadt liefen und man wünschte uns einen "Buen Camino", einen guten Weg.
So liefen wir aus der Stadt heraus, vorbei an einem Mann, der sich lautstark das gestrige Abendessen (oder Anderes) durch den Kopf gehen ließ. In einem kleinen Café machten wir eine Frühstückspause. Danach trafen wir Frank, einen Amerikaner, der nach Norwegen ausgewandert ist und in seinem Spezialwagen alles dabei hat, was das Herz begehrt. Er könnte damit vermutlich die Welt retten.
In seiner Begleitung befand sich die Koreanerin, die wir gestern in der Herberge gesehen hatte, die sich aber in ihr Bett verkrochen und mit niemandem gesprochen hatte. Wir liefen gemeinsam weiter und bald hatte auch Allan uns eingeholt.

Ein Schild an der Universität ließ uns wissen, dass es noch 705 Km bis nach Santiago zu laufen wären. Viele Km später meinte ein anderes Schild zu wissen, dass wir noch 697 km vor uns hätten und mein Pilgerführer meint etwas ganz Anderes. Na ja, wer kann das schon so genau sagen? Fakt ist: Es ist noch echt viel und der Weg muss gelaufen werden, egal wie lang er jetzt genau ist, aber die ersten 100Km haben wir bereits geschafft!

Wir kamen an einem defekten Brunnen vorbei, aber heute hatte ich vorgesorgt und beide Flaschen gefüllt. So etwas passiert mir nicht nochmal.
Ich trage derzeit einen Liter auf dem Rücken und komme damit ganz gut hin. In der Herberge betrinke ich mich immer mit Wasser, unterwegs bin ich sparsam, um nicht so oft die Blase leeren zu müssen. Ich bin schließlich kein Mann, der nur den Reißverschluss öffnen und sich einen Baum suchen muss. Ich muss meine ganzen Schichten auseinanderpulen, frieren und danach alle Lagen wieder vernünftig in ihre Positionen bringen. Radlerhose, lange Unterhose, Wanderhose und Shirt, Pulli, Jacke und ggf. Regenjacke. Da will jeder Gang in den Busch gut überlegt sein.
 Die ersten Km verliefen echt gut, die Hüfte schmerzt quasi gar nicht mehr und die Füße waren okay. Ich fühlte mich schon richtig eingelaufen, bis… Ja, bis der Berg kam, auf den wir klettern mussten. Wir sahen schon von Weitem die Windräder auf dem Kamm und die waren so klein, dass ich gedacht hätte, dass  man für den Aufstieg Wochen braucht.


Wir liefen bereits seit vielen Km über Schotterpisten, immer darauf achtend, wohin man den Fuß setzte, um nicht umzuknicken, denn es lagen echt große Steine dazwischen. Der Weg begann zu steigen und spontan verließ mich die Motivation und weil es den Anderen nicht besser ging, machten wir bald eine Pause und drehten dem Gipfel den Rücken zu. Wir schwitzten bereits jetzt schon von den kleinen Hügeln, die vor dem eigentlichen Aufstieg lagen.
Der Weg zog sich unendlich weit über Trampelpfade zum Gipfel. Die Windräder waren immer noch verdächtig klein und als wir noch gut 1,5 Km bis zum Gipfel hatten, wurde der Weg schlammig und es sah ein bisschen nach Regen aus.
Das Laufen wurde beschwerlich, der Schlamm blieb an den Schuhen hängen und machte mich mindestens 7 cm größer, also 1,70m!
Dummerweise wog er auch eine Menge und es war echt anstrengend, den Fuß aus dem Sumpf zu ziehen und hochzuheben. Wir klopften bei jeder Gelegenheit zentimeterweise Schlamm vom Schuh, aber es half nichts, das Meiste blieb einfach hängen.
Irgendwann kamen wir oben an und wurden mit einer wunderbaren Aussicht belohnt.
Glücklicherweise regnete es nicht. Wir machten eine lange Pause und bewunderten die Pilgerfiguren auf dem Kamm. 

Ein Blick auf die andere Seite des Berges verriet, dass es gleich ebenso weit wieder heruntergehen würde und irgendwo am Horizont in 10 Km Entfernung lag der Ort mit der heute angestrebten Herberge.
Wir fotografierten uns gegenseitig in der Pilgerfigurreihe und die Spanier haben viele Faxen gemacht. Schade, dass sie alle kein Englisch können, der Eine ist ein richtig lustiger Kerl, aber wir mögen uns auch ohne Worte. 

Bergablaufen ist für den Körper belastender und oft anstrengender als der Aufstieg und tatsächlich fingen meine Füße schon bald an zu protestieren, denn der Weg führte auf einer nervigen Schotterpiste steil bergab. Hier musste man ganz genau aufpassen, wo man hintritt und darauf, die Gelenke nicht zu sehr zu belasten.
Nach einiger Zeit machten wir eine Pause, denn es begann zu regnen. Bisher hatte sich das Wetter gut gehalten und es war nicht besonders winterlich. Ein paar Minuten Nieselregen und wir mussten einsehen, uns fast umsonst in die Regenoutfits geworfen zu haben.
Nach dem Abstieg war der Weg ganz gut zu laufen, aber meine Füße taten wieder sehr weh. Die ersten Tage meines Caminos sind damit gefüllt, sich an die Belastung zu gewöhnen, meine Füße zu hassen und die verbleibenden Km zu zählen. Zu anderen Gedanken bin ich kaum fähig. Ich hoffe, ich werde nicht bis Santiago so leiden (sonst klicken hier im Blog irgendwann auch alle weg).
Francois erzählte uns viel über die Landschaft, das Baskenland und seinem Lebensstil mit den vielen Reisen. Die Landschaft war grün, gar nicht so winterlich- kahl wie bei uns, sehr hübsch anzusehen und schon deutlich anders als noch vor ein paar Tagen.

Da mussten wir runter
Wir kamen in ein Dorf und waren froh, dass es von hier aus nur noch 3 Km sein sollten und stellten am Ortsausgang enttäuscht fest, dass es der falsche Ort war. Aber egal, der Weg muss gelaufen werden, auch wenn es ein paar mehr Km sind als erhofft.
Als ich irgendwann wieder das Ende meiner Kräfte kommen sah, erreichten wir Puente la Reina, mussten nur ein kleines Stück durch den Ort und waren endlich angekommen.

Wie jeden Tag gab es den Stempel in den Ausweis und wir bezahlten den kleinen Obolus für die Nacht. Heute waren es 4€, an den anderen Tagen zwischen 5 und 8€.
Das ist natürlich echt günstig, aber in einer über- 30- Tage- Wanderung kommt da dennoch einiges zusammen. Die Zimmer sind immer mit Etagenbetten, je nach Größe schlafen dann so 6- 20 oder mehr Pilger in einem Raum. Heute haben wir das erste Mal mehr als einen Schlafraum gefüllt, pro Zimmer schlafen hier nur 10 Pilger.
Nach einer heißen Dusche und dem Kochen folgte für mich nur noch die pure Entspannung: Liegen, mit den Anderen vom Bett aus plaudern und Tagebuch schreiben.
Heute Abend lief ein Fußballspiel, das die Männer unbedingt sehen wollen und ich erklärte mich bereit, wachzubleiben und sie abends hereinzulassen, denn die Türen würden um die Zeit bereits geschlossen sein.
Aber nach der ersten Halbzeit kamen sie zum Glück schon wieder, denn ich wurde langsam müde. Den Abend verbrachte ich mit der Koreanerin You- Jin, die nicht viel Englisch kann und sich noch weniger traut, es zu sprechen. Aber wir unterhielten uns gut und verbrachten einen lustigen Abend zusammen.

Abends kam noch ein Finne an, der mit einem kleinen Rucksack unterwegs war und die 4 Kg kämen auch nur vom vielen Proviant. Einen Schlafsack hatte er nicht dabei, aber es gab Decken in der Herberge. Er wirkte etwas verpeilt und erzählte, dass er um 14.30 Uhr in Pamplona direkt nach seiner Ankunft losgelaufen sei. Im Dunklen kann man die Wegmarkierungen nur schlecht finden, weil man nie weiß, wo sie sind: Auf der Straße, unten an Hauswänden, oben an Hauswänden, an Markierungssteinen,…
Schon am Tag muss man die Augen offenhalten und der Finne hatte auch Probleme, den Weg zu finde, aber er ist gut angekommen und das ist die Hauptsache.

Erfreut stellte ich heute fest, dass ich bisher noch keine Anzeichen meiner Stauballergie feststellen konnte. Es gibt zwar keine Teppiche, aber Wolldecken und Matratzen bieten ja genug Platz für Milbenkacka.
Oft haben die Betten aber Gummibezüge, um Bettwanzen vorzubeugen und vielleicht helfen sie auch gegen meine Allergie.
Meine Oropax habe ich an jetzt immer im Schlafsack in einer kleinen integrierten Tasche, heute Nacht sind wieder Schnarcher an Bord.

Montag, 18. Februar 2013

18. Februar- Pamplona (ca.15,5 Km)


Schon das Umdrehen heute morgen, um an meinen Rucksack zu kommen, war unangenehm und schmerzhaft. Tolle Aussicht für den Tag.
Immerhin sah meine Blase am Fußballen, die ich gestern noch bis auf den letzten Rest geleert hatte, damit sie über Nacht austrocknen konnte, gar nicht so schlecht aus. Schmerzempfindlich zwar, aber okay. Es war ja auch nur ein kurzer Tag, 15,5 Km bis nach Pamplona.

Nach 2 Km spürte ich den Überlebenswillen der Blase und klebte sie in der ersten Pause mit einem Blasenpflaster ab. Das war zwar schon benutzt, half aber ganz gut. Es nützt alles nichts, in Pamplona würde ich Compeed, das gute, aber sehr teure "second- skin"- Pflaster kaufen müssen. Allan spürte auch schon erste Blasen und wollte sich auch welche kaufen.

Ich füllte heute früh extra nur eine meiner Flaschen mit Wasser, denn nach 6 Km sollte schon ein Brunnen kommen und ich bin geizig, was überflüssiges Gewicht angeht. Man muss ja nicht mehr schleppen als nötig.
In der Frühstückspause auf einer Brücke, in der wir unsere Vorräte teilten (ich lief heute mit René, den Berlinerinnen, Allan und Duck) trank ich also zuversichtlich. Ich wusste ja, dass der Brunnen nicht mehr weit war, mein Pilgerführer verrät so etwas immer sehr genau.
Es kam natürlich, wie es kommen musste und der Brunnen war kaputt. Der Nächste und Übernächste ging übrigens auch nicht.
Mein Wasser war bald leer, aber ich konnte bei den Anderen mittrinken, hielt mich dennoch zurück, weil ich nicht wollte, dass sie nachher auch nichts mehr haben.
Unten einer der kaputten Brunnen...

Es war, wie es immer ist: Wenn man etwas nicht hat, verlangen Körper und Geist ungewöhnlich stark danach. Es ist der Mangel, dessen man sich bewusst wird und den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Ich hielt aber tapfer bis zur Herberge aus und als uns unterwegs ein Spanier mit seinem Hackenporsche entgegenkam, in dem er viele Getränke für übertrieben viel Geld anbot, lehnte ich dankend ab. Bestimmt hat der die 3 Brunnen zerstört, um auf dieser Strecke gute Geschäfte machen zu können und dafür werde ich ihn nicht auch noch belohnen.

Meine Füße bereiteten mir heute wieder sehr viele Schmerzen, die taten einfach überall weh. Klares Zeichen der Überlastung. Aber da ich keine andere Wahl hatte, lief ich weiter. Immerhin schmerzen die Hüften nicht mehr so sehr.
Die Straßen wollten kein Ende nehmen, das bergauf- und bergab schien sich endlos zu ziehen und die Vororte von Pamplona wirkten größer als Hamburg.
Als die Stadtmauer endlich in Sicht kam, half alles nichts, ich konnte nicht an der Bank vorbeigehen und musste mich setzen.
"In Sicht" bedeutet übrigens 200 Meter. Nach 10 Minuten liefen wir weiter. Die Anderen hatten die Pause mitgemacht, auch wenn es ihnen etwas besser ging, hatten sie nichts gegen eine Pause und bis zur Herberge ist es ja auch noch ein Stück. 
Vorort von Pamplona

So ein kurzer Tag kann schnell ganz schön lang werden. Auch wenn es nur 15 Km waren und der Berg, den wir bezwingen mussten, nicht sehr hart war, hat uns der Tag doch wieder eine Menge abverlangt. Unsere Füße hatten ja bisher noch keine Gelegenheit, sich von den ersten Strapazen zu erholen.
Voller Freude auf die Herberge liefen wir durch das historische und hübsche Pamplona, wo heute Karneval ist (dabei hatte ich mich so gefreut, dem Wahnsinn aus NRW zu entgehen und dann sowas).
Bald kamen wir zur Herberge. Eine umgebaute Kirche mit zahllosen Betten.
Wir waren wie Ersten und ließen uns in die uns zugewiesenen Betten fallen. Ich war froh, dass wir jeder ein Bett in der unteren Etage bekommen haben, hochklettern wäre mit kaputten Füßen kein Spaß und unten kann man den Rucksackinhalt so schön auf dem Bett ausbreiten.

Nach einer Pause von etwa 15-20 Minuten liefen wir schon wieder, denn wir hatten nur noch knapp 3 Stunden, bis der Bus nach Roncesvalles fuhr und uns von Lene und Lisa trennen würde.
Wir suchten uns eine Gaststätte, in der wir günstig und lecker essen konnten und fanden eine Art Café, in der es auch eine kleine Auswahl an Nudelgerichten und Pizza gab. Die kleine Pizza wurde auf einem Brett mit Hämmerchen serviert, hab ich auch noch nie gesehen vorher.
Nach dem Essen liefen wir zum Bahnhof und warteten, bis es Zeit für den Abschied wurde. Wir hätten die Mädchen so gern behalten und sie wären gern weiterlaufen, aber es half alles nix, wir mussten uns verabschieden.
Seltsam, wie schwer der Abschied fällt, wo wir uns doch erst 3 Tage kennen.
  
In unserer verbliebenen 4er- Truppe liefen wir zum Supermarkt. Auf dem Weg kauften Allan und ich uns in einer Apotheke die Blasenpflaster für über 10€. Wehe, die helfen nicht!
Wir deckten uns im Supermarkt mit Lebensmitteln ein, da morgen Sonntag ist und wir nicht einkaufen können. Der Vorrat wird also geschleppt. Dementsprechend klug musste ich einkaufen und es dauerte bei uns allen ewig, bis wir alles hatten, was wir brauchten. Was macht satt und wiegt nicht viel? Nüsse, Müsliriegel… und Käse. Baguette findet man immer.
Noch was für heute Abend. Bier, Limo, Schokolade?
Wir kochten wieder zusammen und wieder Nudeln mit Tomatensauce. Billiger geht es nicht und in einer einfachen Küche ohne viele Geräte kann man auch keine großen Gerichte zaubern.
Im Supermarkt habe ich auch nach Sonnencreme geguckt, denn ich habe mich im Gesicht schon ganz gut verbrannt. Wer rechnet denn damit auch Mitte Februar?!
Gefunden haben wir keine und in der Apotheke kostete die günstigste Flasche über 25€! Nein danke. Immerhin steckte mir die Apothekerin aus Mitleid 2 Feuchtigkeitscremepröbchen zu.
Montag muss ich dann noch mal gucken, ob ich anderswo Sonnencreme finde.

 
Zurück in der Herberge machte ich erst einmal Pause. Auch ohne Rucksack ist das Laufen kein Vergnügen. Wir duschten, stellten eine Maschine Wäsche an und kochten . Duck sponserte Chips, die um die Zeit zum Essen zu überbrücken. Er riss sie auf, legte sie in die Mitte des Tische und erzählte, dass die Koreaner alles teilen, es ist normal und selbstverständlich, nichts für sich zu behalten. Irgendwie cool, das ist bei uns ja nicht unbedingt so. In der Pilgergemeinschaft wird alles geteilt- fehlt jemandem etwas, hat es ein Anderer und bietet es an.
Die koreanische Art zu teilen wurde auch deutlich, als Hogy in die Küche kam. Duck reichte ihm sofort eines seiner Biere und lud ihn ein, sich an den Chips zu bedienen und der nahm alles ohne zu zögern an. Hogy ist auch aus Korea (natürlich sind alle Koreaner hier immer SÜDkorea) und ist letzte Woche mit seiner Familie in Santiago angekommen. Sie waren den Weg gemeinsam gelaufen. Weil es aber zwischendurch Ärger gab und sie einige Etappen mit dem Bus überspringen mussten, hat er kurzerhand den Flug umgebucht, ist zurück nach Roncesvalles gefahren und läuft den Weg jetzt noch einmal von vorn. Seine Familie ist wieder zu Hause.
 
 Nach dem Essen und als unsere Wäsche aus dem Trockner kam, gingen wir in die Stadt- also die Straße herunter- und beobachtete ein bisschen das Karnevalsspektakel. In der Straße war ganz gut was los, eine Gruppe Trommler heizte der Menge mit Samba ein und eine Frau machte einen Feuer- Poi - Tanz. Viele Menschen tanzten, ob verkleidet oder nicht und die Stimmung war ausgelassen. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass viele betrunken oder bekifft waren. So konnte ich dem Karneval zwar nicht entkommen, aber hier in Spanien gefiel er mir dann doch ganz gut.

Die Zeit verging sehr schnell und wir liefen noch ein bisschen durch die Straßen. Auf einem Platz sind Originalstatuen von Rodin ausgestellt. Das sagt bestimmt jedem etwas, mir irgendwie gar nix. Berühmt mögen sie sein, besonders hübsch find ich die aber nicht.
Ich spazierte noch ein wenig mit Hogy durch die Altstadt und weil die Herberge um 23 Uhr dichtmachte, mussten wir bald wieder zurück. Wir hatten Hogy in Roncesvalles kennengelernt, in Larrasoana vermisst und waren froh, dass es ihm gutging. Er hatte sich in Zubiri in eine Pension eingemietet, weil es ihm so schlecht ging wie mir und er nicht weiterlaufen konnte.
Ein bisschen Tagebuchschreiben und schon ist es halb 12 und Zeit fürs Bettchen. Zum Glück sind diese Betten sehr bequem.

Sonntag, 17. Februar 2013

17. Februar - Larrasoaña (ca. 32 km)


Heute morgen wachten wieder alle gemeinschaftlich auf. Sobald einer wach wird und sich anzieht, wachen auch die Anderen auf- Eine angenehme Aufbruchstimmung.
Wir starteten in einer Sechsergruppe und liefen die Ersten der vor uns liegenden 32 Kilometer. Schon nach dem Ersten taten mir dir Füße weh. Nicht an einer besonderen Stelle, sondern einfach überall!
Aber heute hatten wir fast nur Landstraße, die Pilger- Waldabkürzungen waren bei diesem Wetter gefährlich, bzw. zu anstrengend, denn in Roncesvalles lag eine Menge Schnee.
René, der seinen ersten Tag und somit noch keine Erfahrung mit diesen Wegen hatte, verabschiedete sich bald und wollte den Waldweg nehmen. Wir machten ein paar hundert Meter weiter Frühstückspause in einem Bäckereicafé und als wir wieder unterwegs waren, holte uns der abenteuerlustige René ein und meinte nur "Ich hatte schon bessere Ideen."
Wir liefen in einer Gruppe von 8 Leuten (zwei haben wir noch im Café getroffen) viele Kilometer über die Landstraße. Es ging immer wieder mal bergauf und bergab, war aber auszuhalten.
Gegen Mittag mussten wir einen Berg überqueren, der zwar keine Pyrenäengröße hatte, uns aber trotzdem etwa eine Stunde lang eine Menge abverlangte. Es ging immer stramm nach oben.
Die Sonne schien und wir schwitzten in unserer Winterkleidung, aber jedes Teil, das man auszieht, muss  man auf dem Rücken tragen…

Völlig ausgepowert kam ich oben an, meine Füße und Hüftgelenke schmerzten, wie ich es noch nicht kannte und ich konnte mich kaum noch bewegen. Genaugenommen brauchte ich schon vor dem Aufstieg 2 Pausen, weil einfach nichts mehr ging. Der Körper ist es nicht gewöhnt, so viele Schritte zu tun, noch dazu bergauf und durch Schnee (heute hatten wir glücklicherweise schnell keinen Schnee mehr). Das eigentlich Schlimme ist aber das Gewicht des Rucksacks, das zusätzlich von Beinen und Füßen getragen werden muss. Als wir oben ankamen, machten wir erst einmal eine lange Pause.

Immer bergauf...

Die ersten Schritte nach der Pause sind immer die Schlimmsten. Ich hätte schreien oder heulen können.
Vor uns lag ein Abstieg über die Landstraße, die in Serpentinen langsam ins Tal führte.. Irgendwo da unten liegt Zubiri, aber da die Herberge dort geschlossen hatte, war dieser Ort nur ein Etappenziel, denn von dort aus waren es immer noch 5,8 Km zu laufen.
Ich habe echt gelitten und konnte meine Kräfte kaum noch mobilisieren.
Am Liebsten hätte ich mich an die Seite ins Gras geworfen und mich von einem Rettungshubschrauber abtransportieren lassen.
Auf die Frage, ob es mir gut ginge, habe ich nur ein "no" herausbekommen.

Als die Berlinerinnen in einer großen Kurve den Weg abkürzten, indem sie einen kleinen Hang hinunterkletterten und quer über die Wiese liefen, musste ich dem Straßenverlauf mit zusammengepressten Zähnen folgen. Ich hätte den kleinen Hang und das raufklettern auf der anderen Seite nicht mehr geschafft, es war ja schon beinahe jenseits meiner Kräfte, überhaupt noch einen Fuß vor den Anderen zu setzen. Dass die Hüften einem so wehtun könnten, hätte ich mir nie ausmalen können und ich kann es auch nicht beschreiben.
Und dabei wollte ich eigentlich nicht so viel jammern.
Ich kann nur hoffen, dass sich das gibt, wenn ich eingelaufen bin!
Pause auf dem Berg

Ich fühlte, wie sich an meinem linken Fußballen eine Blase zu bilden drohte. Ich nahm das aber nur zur Kenntnis und lief weiter. Wenn einem alles so wehtut, dann kommt es darauf auch nicht mehr an. Ich wusste, dass es besser gewesen wäre, etwas zu tun, aber ich konnte mich nirgends setzen und vom Boden wäre ich wohl nicht wieder hochgekommen.

Nach endlos langer Zeit, ich konnte wirklich nur noch mit schmerzverzerrter Miene laufen, erreichten wir Zubiri. Ich schleppte mich durch den Ort, an dem wir etwas zu essen kaufen wollten. Da die Geschäfte geschlossen hatten, machten wir nur Rast. Zum Glück eine halbe Stunde. Ich versorgte meinen Fuß, es war tatsächlich eine kleine Blase zu sehen und die Anderen fanden eine Bar, in der man Baguette kaufen konnte.

Nach der Pause kam die große Angst, aufzustehen. Ich war keineswegs sicher, ob und wie ich die knapp 6 Kilometer bis zur Herberge überleben würde. Nach 200 Metern hatte ich den größten Schmerz "dumpfgelaufen" und der Weg führte nicht über Asphalt, sondern auf kleinen Pfaden zum Ziel und es ging erstaunlich gut. Ich lief mit René und wir haben uns gut unterhalten, das lindert auch den Schmerz. Und ich war froh, wieder in der Lage zu sein, mich zu unterhalten.

In Larrasoaña angekommen mussten wir noch eine Weile vor der Herberge warten, bis aufgeschlossen wurde. Ich zog meine Stiefel- abseits von den Wartenden- aus und kühlte meine nackten Füße am Brunnen vor der Tür.
Ich konnte danach erst mal nicht viel tun außer auf dem Bett zu liegen. Aber den Anderen erging es ähnlich. Man sah den Meisten beim gehen an, dass sie auch Hüftschmerzen hatten und es beruhigte mich ein wenig. Francois, der ja schon oft gepilgert und gereist ist, meinte, dass er auch ungewöhnlich starke Schmerzen hat und glaubt, dass das vom Schneestapfen in den Pyrenäen kommt. Da mussten wir unsere Füße ja über Stunden höher heben als gewöhnlich.

Zum duschen konnte ich mich kaum an- und ausziehen und weil ich nichts zu essen hatte, musste ich mit zum Dorfladen humpeln. Wir kauften Nudeln und Sauce und kochten als Gruppe zusammen. Es war sehr gemütlich und lustig.
Beim kochen steckte Allan ein Geschirrtuch am Gasherd in Brand und warf vor Schreck Renés Pestoglas runter, so hat sich unsere Kochrunde spontan vergrößert, aber die Sauce hat für alle gereicht.
Wir verbrachten den Abend in gemütlicher Runde am Tisch, den wir vom Hof reingetragen hatten und gingen gegen 21.45 Uhr in die leider recht schmutzigen und sehr durchgelegenen Betten.

Mit den Hüftschmerzen konnte ich ohnehin kaum liegen, da hat mir ein altes durchgelegenes Bett ja gerade noch gefehlt. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich leider nur auf der Seite schlafen kann und es auf dem Rücken noch nie geklappt hat (ich hoffe, ich muss nie ins Krankenhaus, die liegen da doch immer auf dem Rücken). Der Spanier schnarchte heute besonders laut und so kramte ich meine Oropax raus, damit ich nur noch die Schmerzen hatte, die mich am Schlafen hinderten.
Nachdem ich mir eingestehen musste, dass ich auch heute nicht auf dem Rücken werde einschlafen können, habe ich mich im Bett umgedreht, in der Hoffnung, dass es am anderen Ende der Matratze weicher ist. Und es war sogar etwas besser. Irgendwann schlief ich ein, wachte aber immer wieder auf, weil  die Hüfte wehtat. Ja, ich jammere. Aber das würde jeder an meiner Stelle auch tun, redete ich mir ein und war froh, als diese beschissene Nacht endlich rum war.




Samstag, 16. Februar 2013

16. Februar- Roncesvalles (ca. 31 Km)



Die Nacht im Schlafraum war ganz gut. Alle waren gegen 21.50 Uhr im Bett und bin nur 2x wegen eines Schnachers aufgewacht und habe festgestellt, dass der Schlafsack in einem geheizten Raum sehr warmhält.
Ich wachte kurz vor meinem Wecker auf und zwei Minuten später erwachte, ohne dass ich einen Wecker gehört hätte, die ganze Mannschaft auf.
Wir zogen uns einvernehmlich und ohne Worte im Dunklen an, immerhin liegen Männer und Frauen ja in einem Raum.
Jeanine servierte zum Frühstück Baguette mit Marmelade und Kaffee bzw. Tee in Müslischüsseln, wie es die Franzosen häufig tun.
Um 7.50 Uhr machte ich mich mit Duck auf den Weg, ca. 28 Km nach Roncesvalles.

Auch wenn wir nicht über die Route de Napoleon laufen konnten, wo es auf 1.420 Metern Höhe geht (St. Jean liegt 1.257m tiefer), erwartete uns auf der Alternativstrecke an der Landstraße eine Bewältigung von 894 Höhenmetern. Dazu kamen dann noch zahlreiche Auf- und Abstiege, die wir den Vormittag lang zu bewältigen hatten. Noch in St. Jean trafen wir auf Francois und liefen zu dritt weiter. Später trafen die beiden Berlinerinnen, die sich uns mit ihrem leichtem Gepäck anschlossen. In Valcarlos gingen wir kurz einkaufen und von da an ging es auf der Landstraße weiter. Es zweigte immer wieder mal ein Weg für Pilger ab und der Erste führte uns in ein Tal, wo wir eine ausgiebige Pause machten und es uns auf einer kleinen Mauer auf meiner Alumatte bequem machten, weil es sehr feucht war. Wir teilten Nüsse, Trockenfrüchte und was sonst noch gefunden werden konnte und kurz darauf kamen die beiden spanischen Paare und der Brasilianer an und wir hatten eine lustige Pause. Dalvo hatte neben seinem viel zu schweren Wanderrucksack noch einen kleinen Rucksack vor dem Bauch. Am ersten Tag mit 18 Kg über die Pyrenäen zu laufen kann nicht besonders viel Spaß machen.



Der weitere Weg verlief recht schmal durch einen Wald und ziemlich steil bergauf an einem Hang, der zum Fluss hinunterführte. Je höher wir kamen, desto glatter wurde es, vereinzelt lag auch Schnee.
Als wir das dritte mal von der Landstraße auf einen Pfad abbogen, war dieser von Beginn an recht schmal. Wir liefen nun sehr viel bergauf, es lag immer mehr Schnee und es wurde immer beschwerlicher.

Als wir ein Schild sahen, dass es nur noch 4,8 Km nach Roncesvalles wären, freuten wir uns und zogen motiviert weiter. Was wir nicht wussten war, dass sich der Weg immer weiter nach oben ziehen würde und uns alles abverlangen wollte. Der Schnee stieg irgendwann- es ging ja nur bergauf- auf gut 15 cm und jeder Schritt wurde zur Qual.
Glücklicherweise hatte Duck mir heute morgen einen seiner Teleskopwanderstöcke gegeben. Ich habe gestern in St. Jean keinen offenen Laden gefunden, um einen Stab zu kaufen. Diesen Stock jetzt zu haben war gut und wichtig, denn der Weg war zwischendurch gefährlich rutschig und wir liefen immer am Hang entlang. Außerdem war er eine gute Unterstützung, um durch den Schnee zu kommen.
Die Berlinerinnen hatten uns längst abgehängt, da sie nur einen Rucksack dabeihaben, den sie zudem abwechselnd trugen. Sie stapften problemlos durch den Schnee davon.

Die Sicht wurde immer schlechter, da wir wohl in den Wolken waren. Mehr als 30 Meter konnten wir nicht sehen und somit auch nicht abschätzen, wie lange sich der Scheißberg noch ziehen würde.
Mein Rucksack wog sicher 9 Kg, weil ich noch so viel Essen von der Hinreise hatte (ich packe ja immer wie für den Weltuntergang) und weil wir genug Wasser mitnehmen mussten.
Ich habe mich sehr gefreut, dass wir uns so gut verstehen und es gleich am ersten Tag so eine Gemeinschaft gibt. Allein wäre ich mit Sicherheit verzweifelt und gestern hätte ich den Weg im Leben nicht geschafft, also gut, dass ich in St. Jean geblieben bin.
Der Rucksack, der glücklicherweise sehr gut sitzt, wollte den Berg hinaufgetragen werden und das Stapfen durch den Schnee machte die Aktion zu einer echten Herausforderung.
Meine Füße wollten schon lange eine richtige Pause haben, wir hatten bisher nur die 20 Minuten mit den Anderen und sonst immer nur wenige Minuten- Mehr ist bei der Kälte nicht möglich. Während des Laufens war mir sehr warn, ich trug auch bei diesen Minusgraden nur Fleecepulli und Regenjacke (oh, dann muss der Rucksack deutlich schwerer gewesen sein, denn die Jacke wiegt mit Inhalt bestimmt noch mal ein Kg), für Mütze und Handschuhe war mir zu warm. Aber nach wenigen Minuten Pause begannen wir immer zu frieren, immerhin waren wir durch den dauerhaften Anstieg ganz gut ins Schwitzen gekommen und setzen konnte man sich ja auch nirgends. Also mussten wir weiterziehen.

Als wir wieder auf die Landstraße trafen, beschlossen wir, dort zu bleiben und nicht wieder auf den schlimmen Schneeweg abzubiegen. Später erfuhren wir, dass die Anderen es durchaus versucht haben, aber umdrehen mussten, weil es nicht möglich war bei der stetig steigenden Schneemenge vorwärtszukommen.
Leider wussten wir nicht, wie weit wir auf dieser Landstraße noch vor uns hatten und liefen weiter, immer weiter bergauf… Und die verdammte Straße wollte einfach nicht in den Gipfel münden!

Wir hatten einfach keine Lust mehr.
Wir waren bereits seit 2 Stunden lustlos, klagten uns gegenseitig unser Leid und hielten irgendwann alle paar hundert Meter, manchmal auch Meter, an und ruhten uns kurz aus.
Als das Gipfelkreuz endlich in Sicht kam, verriet mein Pilgerführer mir, dass wir jetzt noch 1,8 Km bergab laufen mussten und wir dann e n d l i c h angekommen wären.
Wir waren uns sicher, dass der Weg nie ein Ende nehmen würde und liefen jetzt voller Freude mit der Aussicht auf eine warme Dusche und ein Bett weiter und waren so froh, als endlich das Kloster vor uns auftauchte!

Der Tag war wirklich hart und wir waren über 8 Stunden unterwegs gewesen. Über 30 Km und das am ersten Tag und gleich mit so einer Steigung und so viel Leid.
Das war für uns alle zu viel. Wir fielen voller Freude in unsere Betten und ruhten uns aus. Einige Zeit nach uns kam eine Belgierin an, sie hatte in Valcarlos geschlafen, in der angeblich geschlossenen Herberge.
Und sie hätte sich so gefreut, wenn sie die Pyrenäen nicht hätte allein überqueren müssen, was bei den Wetterverhältnissen ja auch gefährlich werden kann.
Sie startete zu Hause in Belgien, lebte einen Monat in einer buddhistischen Gemeinschaft in Frankreich und war nach ein paar Tagen Pause in St. Jean gestern weitergelaufen. Leider durfte sie nicht länger bleiben, sonst hätte sie uns noch getroffen. Aber die meisten Herbergen lassen Pilger nur für eine Nacht bleiben und grummeln bei jeder Weiteren. Dabei ist im Winter nichts los und es waren genug Betten frei.

Dalvo, der sich wohl schon in St. Jean von einigen Klamotten getrennt hatte, schnitt abends das Innenfutter aus seinem Schlafsack, um Gewicht zu verlieren und Volumen im Rucksack zu gewinnen.
In der Herberge gab es keine Decken und so mussten die Berlinerinnen improvisieren und bastelten sich ein Lager aus meiner Alumatte, einer schmalen Fleecedecke und diversen Jacken, die ihnen die Spanier förmlich aufdrängten. Die Etagenbetten standen so eng nebeneinander, dass die Beiden quasi ein Doppelbett hatten und so konnten sie sich alles teilen und ggf. zusammenrutschen.
Ich bedauere schon jetzt, dass sie am Samstag wieder nach Hause müssen.

Um 20 Uhr war die Messe mit der anschließenden Pilgersegnung und wir gingen frisch geduscht mit ein paar Pilgern rüber. Es sind noch einige angekommen, die hier starten werden.
Die Kirche war leer, 3 Männer hielten die Messe. Ich bin ja in der Welt der Katholiken nicht so bewandert, aber ich denke, es hatte schon seine Richtigkeit, dass sie sich gegenseitig immer wieder ins Wort gefallen sind.
Da keiner von uns so wirklich gut Spanisch konnte, musste der Frontmann (ich weiß das katholische Wort für diesen Menschen leider nicht) immer mit einer Geste klarmachen, dass wir aufstehen sollten. Während der Abendmahlsvorbereitung hob er die Hände und man hörte alle Pilger auf der Bank nach vorn rutschen, um aufzustehen, um dann festzustellen, dass er nur eine anbetende Geste machte.

Als das Abendmahl verteilt wurde, liefen alle nach vorn und dem Herdentrieb folgend, fragte ich Lisa, als sie zurückkam, ob man die Oblate in den Mund oder die Hand bekäme und lief, naiv wie ich als Baptistin bin, nach vorn.
Der Pfarrer, Priester oder Frontmann blickte mich kritisch an- er hatte wohl gesehen, dass ich darin jetzt nicht so die Übung habe und fragte
"Are you catholic?" 
"I'm protestant"
"Are you catholic?"
Ich sagte etwas deutlicher, dass ich Protestant sei, um ihm klarzumachen, dass ich durchaus an Gott glaube und würdig war, die Oblate zu empfangen. Auf sein drittes
"ARE YOU CATHOLIC?!", dieses mal aggressiver und ein klares ja oder ein fordernd, sagte ich "No."
Er ließ die Oblate fallen (in seinen Behälter natürlich) und als ich mich zum Gehen wenden wollte, hielt er mich auf und malte mir ein Kreuz auf die Stirn. Dankeschön.
Wie gesagt, ich habe nicht daran gedacht, dass die Katholiken da etwas eigen sind und ich dachte, als Pilgerkloster würde man ökumenischer denken. Lustig war es trotzdem und ein bisschen protestiert hab ich ja auch.

Wir fielen nach einigen sehr interessanten Gesprächen mit den Neuankömmlingen und Allan, dem Kanadier, den wir den ganzen Tag nicht gesehen hatten, bald in einen mehr oder weniger erholsamen Schlaf, weil der Spanier wieder sehr laut schnarchte.

Freitag, 15. Februar 2013

14. und 15.Februar 2012 Anreise und Tag in St. Jean- Pied- de- Port




4:36 Uhr

Eine abrupte Bremsung reißt mich aus dem Schlaf. Hektisch blicke ich auf meine Uhr:  4.36Uhr in der Früh. Der Halt kann also nicht mir gelten. Verschlafen blicke ich aus dem Fenster. Es ist stockfinster und der Bus fährt an einem grünen Schild mit der Aufschrift "Bayonne" vorbei. Ich erstarre: Doch, das ist mein Ort!
Verwirrt beginne ich, mich aufzurichten- nach 18 Stunden im Bus tut mir alles weh-  und meine Sachen in die große Plastiktüte auf dem Sitz neben mir zu stopfen. Und irgendwo müssen doch meine Stiefel stehen.

Einer der Fahrer geht durch den Bus, ich blicke ihn an und frage "Bayonne?!". Er schüttelt den Kopf und kämpft sich nach hinten durch. Ich ärgere mich ein weiteres mal, dass keiner der Busfahrer deutsch, englisch oder wenigstens französisch spricht. In Bayonne muss ich doch aussteigen!
Ich suche verzweifelt den Blick des Fahrers und schaue, ob meine Übersetzerin, die sich ein paar Reihen vor mir in den Sitz gedrückt hat, aufgewacht ist.
Inzwischen hat der Fahrer die Passagierin gefunden, die er hier rauslassen will. Die Spanierin, die gestern Mittag mit mir in Köln eingestiegen ist, hat es nicht mal richtig in ihre Stiefel geschafft und stapft jetzt völlig verpennt mit ihrer Handtasche, die gleich von ihrer Schulter rutscht, durch den engen Gang des Busses und steigt aus.
 Einen Moment ist es still. Ich sehe, dass sich meine Übersetzerin regt und erkläre ihr aufgeregt, dass wir in Bayonne sind und ich hier raus muss. Sie wechselt ein paar Worte mit dem Fahrer und sagt mir dann, dass wir noch nicht da sind.
Langsam werde ich nervös: Ich hab doch das Schild gesehen!
Ich räume weiter unruhig in meinen Sachen, kontrolliere 5x, ob der Brustbeutel mit den Papieren noch um meinen Hals hängt und das Handy in der Tasche ist.
Schließlich steigt die verschlafene und verwirrte Spanierin wieder ein und läuft mit einem genervten Blick ans andere Ende vom Bus zu ihrem Platz zurück. Ich werde deutlicher, sehe dem Fahrer ins Gesicht, sage voller Überzeugung "Bayonne!" und zeige auf mich.
Irgendwie bekomme ich es (mit Hilfe der Übersetzerin) hin, dass die Männer mir glauben und mich aussteigen lassen. Ich verabschiede mich schnell von den beiden Damen im Bus, mit denen ich die Pausen verbrachte habe, bedanke mich für die Hilfe und kriege kurz darauf meinen Rucksack in die Hand gedrückt. Ehe ich mich orientieren kann, fährt der Bus mit einem lauten Aufheulen des Motors davon. Ich blicke ihm nach und habe keine Ahnung, wo ich bin.
Eine Autobahnraststätte, wie mir in Köln versichert wurde, ist das hier jedenfalls nicht!

14.Februar 2012 Mittags

Ich stehe mit meinem Freund in Köln am Busbahnhof und warte auf den Reisebus, der mich nach Südfrankreich bringen soll. In 18 Stunden etwa soll ich bei Bayonne an einem Autobahnrastplatz rausgelassen werden und mit einem Taxi zum Bahnhof fahren. Dort werde ich den Zug nach St. Jean- Pied- de- Port nehmen und wer Hape Kerkeling kennt, weiß, dass hier ein beliebter Ort ist, um mit dem Jakobsweg zu beginnen. Und genau das habe ich vor. Ich werde den Jakobsweg pilgern.

Ich habe mich einige Monate auf diesen Weg vorbereitet, habe Bücher gekauft, mit meiner 400€- Arbeitsstelle geregelt, dass ich 6 Wochen lang nicht da sein werde, meine Ausrüstung zusammengesammelt und gekauft und viel in einem Internetforum gelesen. Das Lesen und Schreiben im Forum hat mich dazu gebracht, jedes Teil meiner Ausrüstung genau abzuwiegen und abzuwägen, ob ich es wirklich brauche. Ich habe mich gefreut, das Abenteuer gerochen und mir nur Gutes vom Weg ausgemalt. Ich habe den Rucksack gestern zum ersten Mal gepackt und da wurde mir klar: Morgen geht es wirklich los...

Nun stehe ich also in Köln und der Bus, der vor gut eineinhalb Stunden hätte abfahren sollen, ist immer noch nicht da.
Irgendwann kommt ein Bus und wir werden aufgefordert, einzusteigen. Dabei ist das nicht der Bus, den ich brauche. Meiner soll nach Porto fahren und dieser hier fährt sonstwo hin.
Wir werden von einem Eurolines- Mitarbeiter beruhigt: Unser Bus steckt im Stau, so dass dieser uns jetzt mitnehmen wird. Das passe schon.
Etwas skeptisch verstaue ich mein Gepäck, steige ein und versuche, den Busfahrern zu erklären, dass ich in Bayonne rausgelassen werden muss. Das ist zwar keine offizielle Haltestelle, aber Pilger werden da immer rausgelassen, weil sie von da aus gut weiterreisen können. Das jedenfalls wurde mir am Schalter beim Ticketkauf zugesagt.
Leider können die 3 Männer nur portugiesisch. Glücklicherweise steht in der Nähe eine Frau, die beide Sprachen kann und übersetzt. Mit meinen vielfachen Wiederholungen des Wortes "Bayonne" hätte ich es wohl noch lange versuchen können. Zuerst wirken die Männer nicht besonders kooperativ, erzählen was von Versicherung und dass sie es nicht dürfen, sagen aber schließlich doch zu, mich in Bayonne am Rastplatz rauszulassen.

Ich suche mir also einen Platz im Bus, keinesfalls beruhigt und sicher, tatsächlich in Bayonne zu landen und überlege fieberhaft, ob ich im Forum etwas über die Anreise von San Sebastian aus gelesen habe. Denn das ist meine offizielle Haltestelle und ich muss mich darauf einstellen, erst da aussteigen zu können.
Ich winke meinem Freund hinterher (der Abschied fällt schwer, ich werde ja 6 Wochen weg sein) und kämpfe mit den Tränen. Die erste Packung Taschentücher neigt sich dem Ende zu und ich vermute, die Tüte Gummibärchen muss gleich dran glauben. Wir sind etwa eine halbe Stunde gefahren, als der Bus auf einen Rastplatz fährt und wir eine Pause machen.
2 Minuten später stellt sich der Busfahrer in den Gang, ruft etwas auf portugiesisch in den Gang und die Leute beginnen, ihre Sachen zu packen und aufzustehen. Mir wird heiß. Was geht hier vor? Vorsichtshalber ziehe ich meine Stiefel an und gehe zu der Frau, die vorhin übersetzt hat. Sie sagt mir, dass wir jetzt in unseren eigentlichen Bus wechseln. Ich glaube, wäre diese Frau nicht gewesen, hätten die Portugiesen mich in dem Bus sitzenlassen.

Ich hole meinen Rucksack, verstaue ihn im Nachbarbus und sehe zu, dass ich möglichst in der Nähe der Übersetzerin sitze. Glücklicherweise hat jeder eine Sitzreihe für sich. So kann ich mich ausbreiten und jederzeit in meine Tüte mit Proviant und co. greifen.
Wieder kommt der Busfahrer rein, sagt irgendwas und verschwindet. Ich lasse mir sagen, dass jemand seine Tasche nicht in den neuen Bus geräumt hat, als von hinten eine etwas verwirrte Spanierin, die ich schon aus Köln kenne, vorbeigeht und ihre Tasche holt. Als das erledigt ist und sie mit mürrischem Blick wieder an mir vorbeischlurft, setzen wir unsere Reise fort.

Ab jetzt geht es viele Stunden über die Autobahn. An der belgischen Grenze machen wir unsere erste Pause und ich stelle mich mit meiner "Übersetzerin" zusammen, die eine ältere Dame im Schlepptau hat, die ein bisschen deutsch spricht und sich an die Dame hält, weil sie übersetzen konnte. Wir haben uns gut unterhalten und jede Pause danach gemeinsam verbracht, uns aufgewärmt, etwas gegessen und getrunken und uns unterhalten. Wenn man erzählt, dass man pilgern geht, hat man ja immer schnell ein Thema und fast jeder kann dazu etwas erzählen. Die ältere Dame ist am Jakobsweg aufgewachsen und freut sich tierisch, dass ich mich auf den Weg mache.
Im Bus laufen über Stunden Bud Spencer& Terence Hill- Filme. Vorn hat der Busfahrer sein Radio auf Anschlag aufgedreht und grölt portugiesische Schlager mit. Er hat dabei offenbar viel Spaß, wir Fahrgäste können dabei weder schlafen noch dem Film folgen, der auf Englisch mit spanischen oder portugiesischen Untertiteln gezeigt wird.
Also versuche ich in Paris vergeblich den Eiffelturm zu sehen und ein bisschen Parisstimmung zu bekommen. Aber es ist dunkel und man sieht nichts von der Stadt.
Nach der Pause um Mitternacht bleibt der Fernseher glücklicherweise aus, entweder weil sie uns schlafen lassen wollen oder weil sie nach den 5 Bud Spencerfilmen keinen mehr übrig hatten.
Ich versuche, es mir in dem Sitz etwas bequem zu machen. Das geht nicht so leicht, wenn man angeschnallt ist, aber ich werde mich hüten, den Gurt abzumachen, auch wenn ich die Einzige bin, die ihn nutzt. So kann ich immerhin alle Anderen retten, wenn etwas passiert.
Gemütlichkeit kann man den Sitzen nicht vorwerfen, aber irgendwann fallen einem schon die Augen zu. Ich habe ausgerechnet, dass wir mit der Verspätung auf keinen Fall vor 7 Uhr in Bayonne sein können und lege mich schlafen.

Bayonne, 4:38 Uhr

Jetzt stehe ich also hier. Es ist 4:38 Uhr, völlig dunkel, es ist noch kein Mensch unterwegs, nicht mal im Auto. Das hier ist mit Sicherheit kein Autobahnrastplatz und ich weiß nicht, wo der Bahnhof ist. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mir kein Taxi rufen. Ich habe ja weder eine Nummer noch eine Ahnung, wo ich bin.
Ich befinde mich zwischen Verzweiflung und Abenteuerlust und beginne erst mal laut zu lachen. Vielleicht bringt das war. Dann schaue ich mich um.
Ich stehe an einem großen Kreisel und ein Schild weist in die Straße rechts von mir "Bayonne Centre". Da man Bahnhöfe oft in der Nähe des Zentrums findet- oder zumindest Menschen, die man nach dem Weg fragen kann- schultere ich meinen Rucksack und laufe in die gewiesene Richtung. Eine andere Idee habe ich nicht. Ab jetzt bin ich Pilger.

Nach ein paar Minuten atme ich auf: Vor mir ist ein Etap- Hotel. Wenn ich Glück habe, ist da drinnen jemand, den ich fragen kann. Auf dem Parkplatz packt ein junges Paar gerade ein Auto. Ich frage auf Französisch nach dem Bahnhof, aber helfen können die Beiden mir nicht. Ich betrete das Hotel und habe Glück, die Rezeption ist besetzt. Der freundliche Mann sagt mir, dass der Bahnhof nur etwa einen Kilometer entfernt ist und erklärt mir den Weg.
Ich laufe durch die verlassenen Straßen des kleinen Ortes und rechne mir aus, dass die erste Bahn nach St. Jean- Pied- de- Port erst in dreieinhalb Stunden fährt. Ich erreiche den Bahnhof noch bevor dieser überhaupt die Tore öffnet. Draußen ist es bitterkalt und drinnen fegen sie den Boden. Ich wäre ja kompromissbereit, wenn sie mich denn mal reinlassen würden, aber ich muss draußen warten.
Da steht auch schon ein etwas älterer Herr, der mich gleich anspricht und ausfragt. Ich erfahre, dass er auf dem Weg nach Paris ist und er war offensichtlich sehr froh, mich beschützen zu können, denn um uns herum stromert ein übelriechender Mann mit verranzten Kleidern und verfilzten Haaren. Als der Bahnhof öffnet, setzen wir uns drinnen auf die Bank und warten auf die Bahn. Der Mann hat Glück, er muss keine weiteren 3 Stunden ausharren und verschwindet bald in Richtung Gleis.

Kurz darauf betritt ein Mann die Bahnhofshalle, in dem ich sofort einen Pilger vermute: Wanderklamotten, gute Schuhe, Rucksack. Bitte sei ein Pilger!
Er blickt sich um, sieht mich und meinen Rucksack, lächelt und kommt auf mich zu. Es ist Francois aus Belgien, der auch mit dem Bus angereist ist und im Kreisel ausgesetzt wurde. Er ist ein erfahrener Pilger und läuft jetzt seinen 5. Camino oder so. Ich merke, dass mich das Wissen, nicht ganz allein zu sein, beruhigt. Wir kaufen unsere Fahrkarten am Automaten, aber meine Karte wird nicht erkannt. Das geht ja gut los! Francois macht mir wenig Hoffnungen, dass meine Karte überhaupt irgendwo erkannt werden wird und ich denke daran, dass ich nur 250€ im Brustbeutel hab. Ich gebe ihm das Geld und er holt das Ticket mit seiner Karte. Jetzt habe ich noch gut zweieinhalb Stunden Zeit, mir Gedanken zu machen, wie ich an Geld komme, wenn meine Karte streikt. Francois und ich müssen uns in der Halle immer wieder umsetzen, da der Obdachlose durch die Halle streift und sich immer wieder hinter uns auf die Bank fallen lässt und da diese Lehne-an-Lehne stehen, sind wir seinem Geruch ausgesetzt. Francois erträgt das nicht und so wechseln wir ab und zu unseren Platz. Mehr Bewegung bekommen wir in den kommenden zwei Stunden aber nicht und sind dementsprechend durchgefroren, als wir um kurz nach 8 einen Blick aufs Gleis wagen. Der Zug steht glücklicherweise schon bereit und ist gut geheizt. Wir setzen uns und genießen die Wärme. Der Zug fährt eine wunderschöne Strecke, bleibt lange neben einem klaren und wilden Fluss. Es ist herrlich, den anzuschauen und im Hintergrund die Pyrenäen zu bewundern.

In St. Jean- Pied- de- Port angekommen bin ich froh, dass Francois sich auskennt und laufe ihm hinterher. Er erzählt mir einiges über die Strecke und von Erfahrungen auf dem Camino. Er ist ein echter Freigeist, hat noch nie in seinem Leben wirklich gearbeitet und bereist stattdessen die Welt. Wie er das finanziert, habe ich nicht ganz verstanden, aber er lebt von relativ wenig. Aber es reicht. Bald kommen wir in das Pilgerbüro. Hier werde ich gleich offiziell zur Pilgerin ernannt, hier werde ich meinen Pilgerausweis und den ersten Stempel bekommen und dann werde ich losgehen.
Wir werden herzlich begrüßt und bekommen die Info, dass man nicht über die Route Napoleon laufen kann. Das ist die "richtige" Strecke über die Pyrenäen. Ich hab in meinem gelben Reiseführer schon die Alternativstrecke studiert, denn ich habe damit gerechnet, dass das nichts wird. Im Tal hier liegt zwar kein Schnee, aber ein Blick auf die Gipfel zeigt, dass es nicht überall so ist.
Ich weiß von einer Herberge auf der Hälfte des Weges, aber der Herr vom Pilgerbüro versichert mir, dass diese geschlossen sei. Francois wird erst morgen starten und ich bin lange unsicher. Ich würde gern direkt ins Abenteuer starten, andererseits würde ich aber auch gern jemanden an meiner Seite haben, wenn ich den ersten Tag laufe. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Francois Gefallen daran finden würde, wenn ich ihm morgen hinterherdackele. Mir wird versichert, dass ich die Strecke nach Roncesvalles schaffen kann, wenn ich jetzt losgehe, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es nicht richtig wäre. Es ist gleich 11 Uhr und ich hätte Zeitdruck, denn die Strecke ist mindestens 28 Km lang und geht durch die Berge. Da ich aber genug Zeit habe und irgendwie misstrauisch bin, entschließe ich mich, auch erst morgen zu starten. Ich habe zwar keine große Lust, den ganzen Tag hier zu sein, aber ich sollte mich auch nicht überschätzen, immerhin weiß ich noch gar nicht, wie ich mit dem Gepäck und so vorankomme.

Ich entscheide mich also, hier zu übernachten und hole mir eine Muschel für den Rucksack. Irgendwie Touristenmäßig, aber ich bin jetzt eine echte Pilgerin, also will ich auch eine Muschel!
Gleich werde ich meine erste Pilgerherberge sehen. Ich bin ganz gespannt. Wie mögen die wohl aussehen? Sind die wirklich so schlimm, wie Hape Kerkeling beschreibt? Was kann ich für 8€ erwarten?
Wir gehen durch eine große Holztür in die Herberge, in der schon eine rüstige alte Dame wartet und uns herzlich begrüßt. Wir stehen in einer netten Küche mit großem Tisch und werden kurz darauf in einen Raum mit etwa 12 Etagenbetten geführt und ich warte einen Moment draußen, in der Annahme, dass mir als Frau ein anderer Raum zugeteilt wird. Als ich verstehe, dass dies nicht der Fall sein wird, nehme ich mir das Bett ganz vorn, Francois ist hinten am Fenster.
Ich lasse mich aufs Bett fallen und die ersten Eindrücke erst einmal sacken.

(Ab hier halte ich mich mehr ans Tagebuch, es wird also jetzt in der Vergangenheit erzählt und ich habe keine Lust, das oben alles zu ändern) ;)

Im Laufe des Tages habe ich den Ort besichtigt und versucht, den Supermarkt zu finden (gefunden habe ich nur den Marktplatz auf einem Berg), einen langen Brief an Johannes und Tagebuch geschrieben und habe erste Bilder von Scrat gemacht.
Scrat ist der kleine, lustige Kerl von Ice Age, den ich mitgenommen habe, um nicht so allein zu sein und um später Fotoalben (z.B. für Facebook) aufzupeppen, weil reine Landschaftsbilder schnell öde werden.


Ich habe in der Herberge geduscht und meine Sachen sortiert.
Dann kam ein Pilger an. Philippe, der in Le Puy gestartet ist und mehrere Stunden ununterbrochen gesabbelt hat, weil er vorher immer allein war (er hat schon rund 800Km hinter sich)
Ich merkte glücklich, dass ich noch ganz schön viel Französisch verstehe. Schade, dass mir das ab morgen nichts mehr bringen wird.

Danach kam noch ein Koreaner an, mit dem ich dann noch mal durch den Ort gelaufen bin. Die Herbergsmutti Jeanine hat uns frischen Thunfischsalat kredenzt und eine Kürbissuppe (gegen Spende).  Jeanine ist eine rüstige ältere Dame, die kein Englisch kann und der es völlig egal ist, wenn Andere kein Französisch können. Sie hat permanent auf Duck eingeredet, der kein Wort verstanden hat und nachdem er ihr das vermittelt hat, hat sie weitergeredet und ihm erzählt, dass so viele sie nicht verstehen würden.

Am Abend trafen noch 8 weitere Pilger ein. Dalvo aus Brasilien, der viel zu viel Gepäck dabei hat (18 Kilo!), 2 spanische Paare, Allan aus Kanada und zwei Berlinerinnen, die zum Ende ihrer 5- monatigen Work&travelreise (WWOF) spontan 3 Tage Jakobswegfeeling haben wollten, da sie ohnehin über St. Jean- Pied- de- Port reisten.
Mit so vielen Leuten hätte ich nicht gerechnet und war sehr froh darüber, denn ich würde morgen nicht alleine laufen müssen.
Ich hatte heute Mittag noch Zweifel, war unsicher und nicht gerade voller Vorfreude, aber das hat sich jetzt geändert. Ich freue mich auf morgen.
Santiago, ich komme!